Der Nachteilsausgleich westlich vom Röstigraben

Für junge Menschen mit Behinderungen ist die Beseitigung von Hindernissen während ihrer Ausbildung der Schlüssel zu einem aktiven und autonomen Leben. Profitieren die Studierenden und Lernenden in der Westschweiz davon? Ein kleiner Überblick über die Situation in der Berufsbildung und an den Hochschulen.

Berufsbildung: Jeder Kanton hat sein Rezept

Der Nachteilsausgleich ist im Bundesrecht verankert, aber seine Anwendung ist kantonal geregelt. Die kantonalen Gesetzgebungen über die Berufsbildung sehen zwar die Eliminierung von Ungleichheiten für Menschen mit Behinderungen und entsprechende Massnahmen vor, aber die Verfahren zur Gewährung und die Massnahmen dazu nehmen sehr verschiedene Formen an. Mit Ausnahme des Kantons Waadt führt kein einziger Kanton eine Statistik, weder über die Anzahl und die Dauer der bewilligten Massnahmen noch über die Art des kompensierten Nachteils im Bereich Berufsbildung. Eine weitere Realität, mit der alle Kantone konfrontiert sind: die Zunahme der Anträge aufgrund von «Schwäche»-Problemen (Leseschwäche, Rechenschwäche usw.) und aufgrund von Aufmerksamkeitsdefiziten mit oder ohne Hyperaktivität (ADHS).

Genf hat sich ein Gesetz über die Integration von Kindern und Jugendlichen mit besonderen erzieherischen Bedürfnissen gegeben, aus dem die Internetsite «cap-intégration» entstanden ist. Diese Plattform liefert ausführliche Informationen für alle Bildungsstufen über besondere erzieherische Bedürfnisse und Behinderungen. Sie richtet sich vor allem an Lehrpersonen und zeigt auf, wie die Folgen einer Behinderung für die Fähigkeit, eine Lehre zu absolvieren, aufgefangen werden können. Eine allgemein zugängliche Information betrifft ganz spezifisch die «Schwäche»-Probleme, die gemäss Renate von Davier, Projektverantwortliche bei der Generaldirektion Sekundarstufe II, seit einigen Jahren stark gehäuft auftreten. Die besondere Aufmerksamkeit, die Genf den Schülerinnen und Schülern mit Schwierigkeiten widmet, ist Teil von Überlegungen über die inklusive Schule.

Was die Berufsbildung betrifft, wurden gemäss Séverin Bez, Generaldirektor für nachobligatorische Bildung im Kanton Waadt, Umsetzungsmassnahmen für den Nachteilsausgleich vor 15 Jahren eingeführt und 2009 im kantonalen Gesetz verankert. Im Unterschied zu den Nachbarkantonen führt die Waadt eine Statistik über die Umsetzungsmassnahmen für die Qualifikationsverfahren. Dank einer verstärkten Kommunikation wächst seit 2015 die Zahl der Jugendlichen mit verschiedensten Einschränkungen oder Behinderungen, die in den Genuss kommen. Das Vorgehen ist in einem Anwendungsreglement festgelegt, und verschiedene Informationskanäle sind von Beginn der Lehre an vorgesehen.

In Neuenburg datiert die geltende Gesetzgebung aus dem Jahr 2014, aber der Nachteilsausgleich wird seit 2007 auf der Basis einer Verordnung über Lernende mit besonderen Bedürfnissen gewährt. Laurent Feuz, Chef des Kantonalen Dienstes für nachobligatorische Ausbildungen und Orientierung, stützt sich auch auf die Publikation der Schweizerischen Berufsbildungsämter-Konferenz (SBBK). Massnahmen werden auch Jugendlichen gewährt, die aufgrund ihres Gesundheitszustands oder eines Unfalls vorübergehende Schwierigkeiten durchlaufen. Die gesetzlichen Grundlagen und Weisungen für die Lehrabschlussprüfungen werden auf der Website des Dienstes publiziert.

Im Wallis absolvieren Jugendliche mit Behinderungen, gemäss Jodok Kummer, Adjunkt des Chefs des Dienstes für Berufsbildung, ihre Lehre ausserhalb des Kantons. Er weist auf einen starken Anstieg der Gesuche um Nachteilsausgleich in den letzten Jahren hin, der auf Jugendliche mit «Schwäche»-Problemen zurückzuführen ist. Die Massnahmen betreffend die Bedingungen in der Lehre oder bei Prüfungen werden «im Rahmen des Möglichen» von den Schulen gewährt, «mit bedingter Bestätigung des kantonalen Dienstes». Kummer merkt an, dass die Zunahme der Anträge eine beträchtliche Belastung für die Lehrpersonen mit sich bringe und diese ihrerseits Unterstützung bräuchten.

Ein schönes Erfolgsbeispiel

Delphine Marro ist schwerhörig. Im vergangenen Juli hat sie als Abschluss ihrer Lehre in einem Freiburger Unternehmen das Fähigkeitszeugnis als Detailhandelsfachfrau erworben. Von ihrer Andersartigkeit, die sie als Stärke erlebt, erzählt sie in einem Artikel, der letzten Juni in der Tageszeitung La Liberté erschienen ist. Nachdem wir sie per E-Mail kontaktiert hatten, erzählte uns die junge Frau, dass sie in Form von zusätzlicher Zeit für die Klassenarbeiten und die Abschlussprüfungen in den Genuss des Nachteilsausgleichs kam. Für das Erlernen von Fremdsprachen hatte sie auch das Recht auf kommunikative Unterstützung. Dieses Beispiel zeigt, dass selbst minimale Massnahmen eine wertvolle Unterstützung sein können.

Fachhochschule Westschweiz: umfassendes Projekt, punktuelle Aktion

AGILE.CH und der Gleichstellungsrat.ch erarbeiteten 2011 das Konzept «Hindernisfreie Hochschulen».

Gemäss der Fachstelle Institutionelle Entwicklung HR und Diversität der Fachhochschule Westschweiz ist das Konzept auf allen Sites der Fachhochschule umgesetzt, aber auf verschiedenen Niveaus, wie Catherine Humair, wissenschaftliche Mitarbeiterin, sagt. Ein Grundsatzpapier ist in Erarbeitung. Seine Umsetzung wird in der Verantwortung der verschiedenen Teilschulen liegen, die ihre Ressourcen autonom einsetzen.

Die Fachhochschule Wallis hat ein Konzept zur Eliminierung von Ungleichheiten für Studierende mit besonderen Bedürfnissen erarbeitet, das von der Fachhochschule Genf übernommen wurde. In Sierre haben seit 2011 rund 20 Studierende davon profitiert. Wenn auch nicht alle Teilschulen der Fachhochschule Westschweiz dieses Konzept übernommen haben, so halten sich doch alle Sites an seine Grundgedanken, wie das Rektorat versichert. Konkret organisiert die Fachhochschule Westschweiz Sensibilisierungskurse zum Thema Behinderungen für ihr Personal.

Harmonisierung erwünscht

Es wäre nützlich zu wissen, wie viele Jugendliche dank Nachteilsausgleich, der in der Westschweiz - trotz einiger Unterschiede - häufig gewährt zu werden scheint, ein Fähigkeitszeugnis oder einen akademischen Titel erworben haben. Angesichts der Anstrengungen, insbesondere in Genf, Gleichstellung beim Zugang zur Bildung zu garantieren, ist es erstaunlich, dass im Wallis keine Lernenden mit Behinderungen ausgebildet werden und dass der Nachteilsausgleich «im Rahmen des Möglichen» gewährt wird.

Interkantonal tätig und mit mehreren Websites entspricht die Fachhochschule Westschweiz zwar den Bedürfnissen ihrer Studierenden mit Einschränkungen oder Behinderungen. Sie erarbeitet auch einen Aktionsplan, der für die Teilschulen aber nicht zwingend ist.

Bildung - das Einmaleins der Autonomie

Der Nachteilsausgleich ermöglicht den Jugendlichen, ihr Potential auszuschöpfen. Er ist der Schlüssel zu einer dauerhaften beruflichen Integration. Manche Kantone haben das besser begriffen als andere.

Eine der wichtigsten Prioritäten der 7. IVG-Revision ist die dauerhafte berufliche Integration von Jugendlichen mit psychischen Einschränkungen. Eine ausgedehntere und vor allem harmonisierte Anwendung des Nachteilsausgleichs wäre ein weit besseres Mittel, um das zu erreichen. Sie wäre weniger stigmatisierend und bestimmt kostengünstiger als berufliche IV-Massnahmen.

Catherine Rouvenaz
Secrétaire romande, AGILE.CH

Nützliche Links:
berufsbildung.ch, das Portal zur Berufsbildung
szh.ch, Schweizer Zentrum für Heil- und Sonderpädagogik
Cap Intégration Genève (nur Französisch)
Hindernisfreie Hochschule (Projekt von AGILE.CH)
Myhandicap.ch - Nachteilsausgleich