Ein vorläufiges Leben

«Asylsuchende» und «vorläufig Aufgenommene» - dass es hier um Menschen geht, die in Würde und Respekt ein selbstbestimmtes Leben mit Perspektiven führen wollen, scheint im Schweizer Asylverfahren vergessen zu gehen.

Die physische und psychische Gesundheit spielt im Alltag eben dieser Menschen eine zentrale Rolle. Weit häufiger als Menschen mit körperlichen Einschränkungen sind in der Schweiz jene, die in ihrem Heimatland oder auf der Flucht Traumatisches erlebt haben. Ihre Situation wird durch die oft ungewissen und schwierigen Umstände in der Schweiz verschärft. Sie lassen sie weiter leiden, wie beispielsweise den 41-jährigen Mann aus Syrien, nennen wir ihn Issam. Issam wurde der Kirchlichen Kontaktstelle für Flüchtlingsfragen (KKF) für eine Integrationsabklärung zugewiesen. Bereits zu Beginn der Gespräche zeigte sich, dass es Issam psychisch sehr schlecht geht, was das Einleiten von Integrationsmassnahmen erschwert.

Issams Geschichte

Issam hatte als Kind Polio. Aufgrund eines Behandlungsfehlers in seiner Heimat musste er sich einer Oberschenkelamputation unterziehen. Zusätzlich hat er Fehlbildungen an beiden Armen, Muskelkraft und Beweglichkeit sind eingeschränkt. Erschwerend kommt hinzu, dass er längere Zeit in Syrien inhaftiert war. Er wurde gefoltert und gedemütigt und hat eine posttraumatische Belastungsstörung davongetragen. Sein Leben mit einer Beinprothese ist gekennzeichnet von vielen Herausforderungen und Hürden. Stumpfschmerzen unterschiedlicher Intensität plagen ihn täglich. Für Issam ist die Unterbringung in einer Wohngemeinschaft sehr schwierig. Er muss sich das Zimmer und alle anderen Räume mit Landsleuten teilen. Obwohl er zu Hause das Bedürfnis hätte, seinen Stumpf zu entlasten und zu pflegen, hat er kaum Gelegenheit, seine Prothese abzulegen. Durch seine Behinderung fühlt er sich in hohem Masse gehemmt und möchte sich in Anwesenheit seiner Wohnpartner nicht ohne Prothese zeigen. Die tägliche Reinigung der Prothese und die regelmässige und gründliche Stumpfpflege sind aber unerlässlich, da die hygienischen Verhältnisse im Schaft sehr schwierig sind und stark riechen. Issam erlebt die jetzige Wohnform als äusserst einengend und belastend, hält sich aber wegen seiner Behinderung die meiste Zeit in der Wohngemeinschaft auf. Er fühlt sich nie frei, auch weil er permanent Rücksicht auf seine Wohnpartner nimmt, indem er ihnen den Anblick und den Geruch seines Stumpfes zu ersparen versucht. Das Gemeinschaftsbad ist der einzige Rückzugsort. Dort kann er die Prothese abnehmen und sich ausruhen. Gleichzeitig demütigt ihn diese Handhabung.

Würdevoll Leben in den eigenen vier Wänden

Damit Issam ein würdevolles und selbstbestimmtes Leben führen kann, wäre die Unterbringung in einer Wohnform mit eigenem Zimmer dringend nötig. Issam ist in psychiatrischer Behandlung. Auch sein Arzt erachtet einen Wohnungswechsel als äusserst dringlich. Die monatliche Mietzinspauschale für Einzelpersonen in der Asylfürsorge beläuft sich auf ca. 350.- CHF. Im Rahmen dieses Kostendachs ein Studio zu finden, ist aussichtslos. Issam sieht für sich kaum Perspektiven, da auch die Arbeitsintegration aufgrund seiner Behinderung äusserst schwierig ist, womit die Hoffnung auf einen regulären Status in der Schweiz entfällt. Gleichzeitig macht er sich permanent Sorgen um seine Familie in Syrien. Viele Faktoren wirken sich negativ auf Issams psychische Gesundheit aus. Einige davon sind nicht beeinflussbar. Grundsätzlich liesse sich aber die Wohnsituation ändern, wenn der Kostenrahmen entsprechend erhöht würde.

«Dahinvegetieren unter Tage»

Heute befinden sich im Kanton Bern sehr viele Kollektivunterkünfte unter Tage, «eine Situation, die für die meisten Asylsuchenden ein grosses Problem ist», sagt Dr. med. Agnes Meyer, Oberärztin der Universitären psychiatrischen Dienste Bern (UPD). Kommen psychische Probleme hinzu, kann eine unterirdische Unterbringung Symptome wie Angst, Schlafstörungen, «Flash Backs» und selbstgefährdendes Verhalten / Suizidalität verstärken. «Besonders kritisch ist der Verlust des Tages- oder Nachtzeitgefühls, der Orientierung an Zeit, Ort und Situation. Verstärkt wird dieser Effekt durch 24 Stunden eingeschaltetes elektrisches Licht, bei grosser Dichte unbekannter Personen auf engem Raum. Zusammen wirkt dies bedrohlich, unkontrollierbar und die Abgrenzung zum erlebten Trauma fällt besonders schwer. Diese Patientinnen und Patienten brauchen die Sicherheit, dass das Erlebte in der Vergangenheit liegt und sich nicht wiederholt. Dazu ist Tageslicht beziehungsweise der erlebbare Tages- und Nachtrhythmus relevant.» Früher gab es übrigens eine Kollektivunterkunft für betreuungsintensivere Asylsuchende, den Nusshof in Gampelen. Zentrale Massnahmen waren hier eine angepasste psychosoziale und medizinische Betreuung, Tagesstruktur und Begleitung zur Wiedereingliederung in die regulären Asylstrukturen. Die Mitarbeitenden des Nusshofs verfügten über die nötigen Fachkompetenzen im Umgang mit psychisch kranken Menschen. Der Nusshof wurde geschlossen, weil der Kanton die Finanzierung nicht übernehmen wollte. Im Nusshof konnte auf Menschen in verletzlicheren Situationen Rücksicht genommen werden, dies ist nun leider um einiges schwieriger geworden.

IV-Leistungen für vorläufig aufgenommene Menschen

Damit IV-Leistungen bezogen werden können, müssen bestimmte Voraussetzungen erfüllt sein: Erwerbstätige Asylsuchende und vorläufig Aufgenommene bezahlen Beiträge gemäss IV-Richtlinien. Die Beiträge von erwerbslosen Asylsuchenden und vorläufig Aufgenommenen werden erst dann festgesetzt und entrichtet, wenn die Person als Flüchtling anerkannt wird, eine Aufenthaltsbewilligung erhält oder aufgrund einer Behinderung ein Anspruch auf IV-Leistungen entsteht. Die Asylsozialhilfestellen bezahlen in diesen Fällen die Beiträge rückwirkend für die letzten fünf Jahre. Der Anspruch wird durch die IV aber nur geprüft, wenn Beiträge geleistet wurden… und genau diese Beitragspflicht erfüllen vorläufig aufgenommene Asylsuchende in der Regel nicht. Die bürokratischen Hürden bei einer Anmeldung sind sehr hoch. Geburtsgebrechen oder im Heimatland erworbene Gebrechen werden beispielsweise nicht anerkannt, und ein Asylsuchender hat erst Anspruch auf IV-Leistungen (Eingliederungsmassnahmen und Rente) wenn er mindestens 10 Jahre Wohnsitz in der Schweiz vorweisen kann. Und da ist die IV strikt, wie das Beispiel eines jungen Afghanen zeigt, der seit 2008 in der Schweiz ist und hier einige Jahre die Schule besucht hat. Die IV attestiert ihm zwar gesundheitliche Einschränkungen sowie die Notwendigkeit eines geschützten Ausbildungsplatzes, der Zugang zu Leistungen der IV bleibt ihm aber aufgrund seines Aufenthaltsstatus verwehrt. Bis dahin werden effektive Integrationsmassnahmen verunmöglicht.

Die KKF trifft in ihren Beratungsgesprächen auf viele Menschen mit physischen und psychischen Einschränkungen. Eine Integration in den ersten Arbeitsmarkt ist nicht in jedem Fall möglich. Obwohl durch die IV spezialisierte Angebote bestehen und die Relevanz der gesundheitlichen Einschränkungen zweifelsfrei gegeben ist, bleibt der Zugang verwehrt. Besonders verheerend wirkt sich dies bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen aus, beispielsweise beim Zugang zur Praktischen Ausbildung nach INSOS (PrA). Die PrA orientiert sich an den individuellen Fähigkeiten von Jugendlichen, die der zweijährigen Berufsattest-Ausbildung (EBA) wegen einer Lern- oder Leistungsbeeinträchtigung nicht - oder noch nicht - gewachsen sind. Ziel der PrA ist es, diesen Menschen eine Zukunftsperspektive zu geben und ihre Integrationschancen im ersten Arbeitsmarkt zu verbessern. Leider kann die PrA ohne IV nicht finanziert werden.

Raphael Strauss
Abklärungsstelle Integration KKF

Silvia Raemy
Bereichsleiterin Kommunikation, AGILE.CH


Anlaufstellen für traumatisierte Flüchtlinge

Info

Die kirchliche Kontaktstelle für Flüchtlingsfragen (KKF) ist eine eigenständige Fachstelle des Asyl- und Integrationsbereichs im Kanton Bern. Die KKF arbeitet partnerschaftlich und ergänzend mit den Behörden sowie anderen im Asylbereich tätigen Organisationen und Einzelpersonen zusammen. Die KKF hat zum Ziel, Personen des Asylbereichs bestmöglich zu betreuen und zu beraten mit Angeboten wie Rückkehrberatung, Standortbestimmungen für vorläufig Aufgenommene, Finanzierung individueller Massnahmen für vorläufig Aufgenommene, mehrsprachige Infoveranstaltungen zu Arbeit und Ausbildung in der Schweiz, Weiterbildungen für Mitarbeitende und Freiwillige im Asyl- und Integrationsbereich oder Support für Sozialhilfestellen im Asylbereich.