Superbehinderte: Der Weg zu Inklusion?

Menschen mit Behinderungen sind aktiv im Beruf, haben Familie und engagieren sich auch noch freiwillig in der Gesellschaft. Die Behinderung wird zur Nebensächlichkeit, ja sogar so gut wie möglich versteckt. Ist es das, was man unter Inklusion, gleichberechtigter Teilhabe und Integration in die Arbeitswelt versteht?

Studieren wir die Tagesabläufe unserer Protagonistin und unseres Protagonisten, lassen sich ihre Behinderungen ganz gut ausblenden. Sie sind nicht relevant – scheinbar. Dass Georg Jirasek am Abend viel zu früh, todmüde, mit einem Brummkopf ins Bett fällt und kaum soziale Kontakte möglich sind, sieht man dem fröhlichen, motivierenden Lehrer nicht an. Dass sich Eva Hammar über alle Massen anstrengen muss, um sich bei Sitzungen mit den nötigen Informationen zu versorgen, wird als ganz selbstverständlich hingenommen. Sich anpassen, sich ausserhalb der Komfortzone bewegen, mit Humor geht alles besser: So lautet die Devise.

Dass sich beide ihr jetziges Leben jeden Tag hart erkämpfen müssen, darum schert sich kaum jemand. Müssen Menschen mit Behinderungen mehr leisten und auf mehr verzichten als ihre nichtbehinderten Arbeitskolleginnen und -kollegen, um ein Leben zu führen, das gesellschaftlich einigermassen akzeptiert ist? Und was ist mit all denen, die das schlichtweg nicht schaffen? Sie werden als «Scheininvalide» gebrandmarkt. Trotz Behinderung top, sonst aber Flop, scheint immer mehr zum Credo zu werden. Ganz im Widerspruch zur UNO-Behindertenrechtskonvention, die Inklusion propagiert. Dazu müssen aber alle beitragen!

Mit Aufgabenteilung zur Inklusion

Mit einer Behinderung leben, sie nicht in den Vordergrund stellen, aber unsere Unterschiedlichkeit transparent kommunizieren: Das ist unsere Aufgabe. Uns mit unserer Behinderung akzeptieren und mit uns Wege finden, die es uns erlauben, unsere Fähigkeiten einzusetzen: Das ist die Aufgabe der Arbeitgebenden, unserer Arbeitskollegen und -kolleginnen, ja der ganzen Gesellschaft. Gesetzliche Rahmenbedingungen schaffen, die Benachteiligungen ausgleichen, Chancengleichheit fördern, materielle und nichtmaterielle Gleichberechtigung (wieder)herstellen und umsetzen: Das ist die Aufgabe des Staates, der Politik und der Behörden.

In den zwei vorliegenden Beispielen scheint das Zusammenspiel der beteiligten Akteure blendend zu funktionieren. Das erlangte Gleichgewicht ist aber fragil. Ein kleiner Windstoss, wie eine grössere Migräneattacke, ein verständnisloser Arbeitskollege oder eine als harmlos propagierte Sparmassnahme der Invalidenversicherung, könnte das Kartenhaus zum Einsturz bringen.

Arbeiten wir alle darauf hin, die Windböen abzufangen oder – falls das einmal nicht gelingen sollte – das Kartenhaus mit gemeinsamer Kraft wieder aufzubauen. Dann ist uns ein gutes Stück Inklusion gelungen. Inklusion für alle und nicht Anpassung bis zum Gehtnichtmehr von einigen wenigen Superbehinderten.

Simone Leuenberger
Wissenschaftliche Mitarbeiterin, AGILE.CH