Nachteilsausgleich auf Sekundarstufe II

Immer mehr Jugendliche mit Behinderungen besuchen ein Gymnasium oder eine Oberschule. Angesichts dieser neuen Situation sind die Schulen angehalten, das Recht auf Chancengleichheit zu garantieren. Gewisse Fortschritte in dieser Hinsicht sind gemacht, aber noch bleibt viel zu tun, damit der Nachteilsausgleich auf angemessene Art und Weise gewährt wird.

Chancengleichheit macht Fortschritte

Lange bestand praktisch kein Zusammenhang zwischen den Schulen der Sekundarstufe II (allgemeinbildende Schulen, insbesondere Gymnasien) und Behinderungen. Zwar verfügte ein grosser Teil der Schulen über Zufahrtsrampen für Rollstühle, aber kognitive Behinderungen waren kein Thema. Viele Jugendliche mit Behinderungen schlugen andere Bildungswege ein als das Gymnasium. Interessant ist, dass Menschen mit Behinderungen viele Jahre lang den Weg der Schweizerischen Maturitätsprüfung wählten, auf die man sich ausserhalb der öffentlichen Gymnasien vorbereitet. Die Situation veränderte sich, als die Diskussion rund um den Nachteilsausgleich aufkam. So haben die Schulen der Sekundarstufe II in den letzten Jahren eine zuweilen massive Zunahme der Anträge auf Nachteilsausgleich in nachobligatorischen Kursen festgestellt, insbesondere aufgrund von kognitiven Behinderungen.

Vielfältige Anträge, mannigfaltige Antworten

Die Gründe für diese Zunahme sind sicher unterschiedlich. Aber die Anstrengungen, die die obligatorische Schule in Sachen Integration unternommen hat, scheinen dennoch dazu beigetragen zu haben, dass eine ganze Generation junger Menschen mit Behinderungen Vertrauen in ihre Fähigkeiten gewonnen hat. Junge Menschen, deren Eltern ebenfalls nachdrücklicher die Chancengleichheit fordern. Zudem haben die Bundesgesetzgebung und 2014 die Ratifikation der UNO-Behindertenrechtskonvention durch die Schweiz die Diskussion ebenfalls geschürt.

In den Schulen verursachte diese Zunahme an «andersartigen» Jugendlichen Unsicherheit, wie die Anträge zu behandeln seien. Als Weiterbildungsinstitution für die Schulen der Sekundarstufe II sah sich die Schweizerische Zentralstelle für die Weiterbildung der Mittelschullehrpersonen (WBZ CPS) mit zahlreichen Fragen konfrontiert, die den Inhalt und die Limiten des Nachteilsausgleichs zum Gegenstand hatten. In diesem Stadium versuchten die Schulen im Wesentlichen, den juristischen Grundsatz und die Verpflichtungen umzusetzen, die sich daraus ergaben. Eine Definition des Grundsatzes war zwar vom Schweizer Zentrum für Heil- und Sonderpädagogik (SZH) formuliert worden, aber dessen Anwendung auf der Sekundarstufe II war nicht klar.

Bedürfnisse und Massnahmen klären

Angesichts der Nachfrage nach Informationen und Weiterbildung machten sich verschiedene Akteure daran, Weiterbildungsveranstaltungen zu organisieren. Auf gesamtschweizerischer Ebene bot die WBZ CPS 2014 einen ersten Thementag an für die Schulleitungen der Sekundarstufe II und die kantonalen Verwaltungen. Die Themen waren juristische und systemische Aspekte. Entscheide des Bundesgerichts und kantonaler Gerichte erlaubten, gewisse Aspekte einzugrenzen. Die Analysen von Juristen der Universität Basel und von Inclusion Handicap gaben den Teilnehmenden einen guten Überblick.

Zwei Einzelheiten erlaubten den Gymnasien, den Grundsatz umzusetzen: Der Nachteilsausgleich umfasst einzig die Umsetzung der formalen Bedingungen, unter denen sich eine Lehre oder eine Prüfung abspielt. Er erlaubt nicht, dass die Ziele der Ausbildung angepasst oder die Prüfungskandidaten/-kandidatinnen von Noten bzw. Fächern befreit werden. Die Gymnasien, die um ihre Unterrichtsqualität und den Wert ihrer Diplome gefürchtet hatten, waren damit beruhigt.

Ein weiteres beruhigendes Element war: Den Empfehlungen von Experten und externen Spezialisten zum Trotz behielten die Schulleitungen die Kontrolle über den endgültigen Entscheid, welche Art Nachteilsausgleich für welche Situation anzuwenden sei. In den letzten Jahren wurde das Thema Nachteilsausgleich auf Sekundarstufe II auch auf interkantonalen Treffen behandelt, wie z.B. demjenigen des Bildungsraums Nordwestschweiz (SO, AG, BS, BL). Zudem haben manche Kantone aktiv und beispielhaft an der Umsetzung des Grundsatzes in ihren Schulen gearbeitet, wie z.B. Genf und Zürich.

Wertvolle, aber verbesserungsfähige Errungenschaft

2015 signalisierten die Schulen der Sekundarstufe II klar, dass das Prinzip des Nachteilsausgleichs gesichert sei. Manche Kantone änderten ihre Gesetze und Verfügungen, um es einzufügen, andere erliessen Richtlinien und Weisungen für die Umsetzung. An diesem Punkt tauchten weitere Herausforderungen auf. Im Rahmen der Medikalisierung von Behinderungen verlangen die Kantone Zeugnisse, die die Behinderung beschreiben, die der Schüler hat, und geben Empfehlungen für mögliche Ausgleichsmassnahmen. Die Herausforderung besteht nun darin zu definieren, wer berechtigt ist, eine Diagnose zu stellen und Massnahmen nach welchem Vorgehen vorzuschlagen. Es scheint allerdings, dass in den vielen Fällen, in denen Jugendliche «Schwäche»-Probleme (Leseschwäche, Rechenschwäche usw.) haben, die Expertinnen und Experten geringe Kenntnisse über die Anforderungen der Sekundarstufe II aufweisen, insbesondere was die Erwartungen in den Sprachfächern betrifft. Überdies wissen die Lehrkräfte häufig nicht, welchen Einfluss eine Behinderung auf die kognitiven Anforderungen hat, die die Sekundarstufe II stellt. Es kommt deshalb oft vor, dass diese unterschiedlichen Auffassungen zu Missverständnissen führen und der betroffene Schüler dafür die Zeche bezahlen muss. Um Antworten auf diese Fragen zu finden, wurden einige interessante Papiere erarbeitet, die Einschränkungen und Behinderungen sowie mögliche Massnahmen zum Nachteilsausgleich beschreiben.

Sicher ein Schritt in Richtung Inklusion

Was aber vor allem zählt, ist der Austausch unter Lehrpersonen, die Diskussion mit Expertinnen und Experten und der Erwerb neuer Kompetenzen, die nicht zum Werkzeugkoffer einer klassischen Gymnasiallehrperson gehörten. All das ist der Schlüssel dazu, um Vorurteile auszuräumen, das Vertrauen zu stärken und schliesslich den Erfolg der Lehrperson in ihrer Arbeit und des Lernenden in seiner Ausbildung sicherzustellen. Es versteht sich von selbst, dass die neuen Generationen von Lehrkräften informiert, sensibilisiert und ausgebildet werden müssen, um diesen Grundsatz umsetzen zu können. Der Nachteilsausgleich ist eindeutig eine gesetzliche Verpflichtung. Er ist auch ein Werkzeug, das die Chancengleichheit in der Bildung verbessert. Unsere Gesellschaft kann es sich nicht erlauben, auf die Begabungen und Fähigkeiten von Jugendlichen zu verzichten, deren Behinderungen im Rahmen ihrer Mittelschulbildung kompensiert werden können.

Eva Leuenberger
Wissenschaftliche MitarbeiterinSchweizerische Zentralstelle für die Weiterbildung der Mittelschullehrpersonen (WBZ CPS)