Normalerweise

Am Flughafen fängt die Misere «Wenn Gehbehinderte reisen» jeweils an. Denn wenn ich fliege, bin ich auf Hilfe angewiesen.

«Sie brauchen Begleitung?», fragt die Frau, während sie am Schalter etwas tippt. «Ja, die brauche ich. Hab’s angemeldet», sage ich und lächle. Das hilft manchmal. Dann höre ich sie sagen: «Hm... Da ist was falsch! Sie haben KEINEN Rollstuhl?» «Nein», antworte ich, vor ihr stehend. S.T.E.H.E.N.D. Es gibt ja schliesslich auch noch andere Gehbehinderungen. Zum Beispiel meine. Ich stehe auf einem Bein, und auf dem andern tue ich nur so als ob. Es ist aus Holz, Plastik und Metall und alles andere als bequem. Deshalb gehe ich an Krücken. Und deshalb bin ich auf Hilfe am Flughafen angewiesen. Der Weg zum Gate ist meist weit, die Treppen und langes Stehen bereiten mir Mühe, doch das alles... schlucke ich runter.

«Ah, jetzt sehe ich es! HIER. Sie haben ‹Assistenz› angemeldet. Setzen Sie sich bitte dort drüben hin», sagt sie und zeigt dabei auf vier Stühle, die alle schon besetzt sind. Ist ja klar. Ich meine, wer steht schon gerne mit seinen Koffern rum? Nun, das ist der Frau am Schalter wohl ziemlich egal.

Wir geniessen die Ferien anschliessend sehr. Und dann, mit dem Flugzeug wieder gut und glücklich zu Hause gelandet, steigen alle Passagiere aus. Wir warten, angeln meine Krücken aus dem Staufach (nicht ganz einfach, die Übung!) und steigen auch aus. Unten an der Treppe wartet eine Frau mit Leuchtweste, einem Funkgerät, vielen Schlüsseln und Karten um den Hals. «Guten Tag», spreche ich sie an. «Mein Name ist von Gunten, ich habe Hilfe angemeldet.» Und sie schaut mich darauf streng an und sagt: «Normalerweise muss man warten!»

Sie sagt es en français, und ich denke: «Ok, dann warten wir!» Und stelle mich so ein bisschen neben ihren leeren Rollstuhl. Dann sagt sie es nochmals, ein bisschen langsamer: «Normalerweise muss man warten!» Vielleicht denkt sie, ich verstünde kein Französisch oder sei ein bisschen blöd (was ja vielleicht auch stimmt). «Ja, jetzt sind wir halt schon mal ausgestiegen», erkläre ich. Und sie: «Das geht aber nicht. Ich muss zuerst den Namen der Person, die Hilfe benötigt, von der Crew erhalten!»

So stehe ich also weiter herum, und als der Bus kommt, quetsche ich mich hinein, während sie mit ihrem leeren Rollstuhl weiter (auf mich!) wartet...

Ich verstehe das einfach nicht. Aber ich weiss, die meisten Menschen sind anders.

Normalerweise.

Tonia von Gunten
Kolumnistin

Unsere neue Kolumne stammt aus der Feder von Tonia von Gunten. Sie ist Autorin, Pädagogin und Elterncoach, verheiratet und Mutter von zwei Kindern. Das Programm www.elternpower.ch leitet sie mit dem Ziel, Eltern und Fachleute in ihrer Beziehungskompetenz zu stärken und frische Energie in die Familien zu bringen. Mit einem Augenzwinkern schreibt sie über das Leben mit ihrer Gehbehinderung: www.facebook.com/beinemachen.Ihr Motto: Sei glücklich mit allem, was du hast. Oder eben nicht hast!