Die IV darf nicht zum Kundendienst der Arbeitswelt werden

Auf den ersten Blick scheint gemäss der IV-Statistik, die das Bundesamt für Sozialversicherungen (BSV) heute publiziert hat, alles bestens zu sein: ein kleiner Gewinn, weniger Renten, Rückerstattung der Schulden bei der AHV. Seit Anfang diesen Jahres muss die IV aber ohne MwSt auskommen, und der Druck auf die Kosten wird dadurch wachsen. Wer zieht daraus den Kürzeren?

Es ist ein Faktum: Die Anzahl der IV-Renten sinkt. Das betrifft indessen nur einige Kategorien von Krankheiten und Behinderungen, insbesondere Folgen eines Unfalls. Die sinkenden Prozentzahlen vermitteln den Eindruck, dass die Anzahl Personen, die eine IV-Rente aufgrund einer psychischen Krankheit erhalten, stark im Steigen begriffen ist. Sie erhalten zwar tatsächlich 47% der 2017 gesprochenen Renten; in absoluten Zahlen sind das aber lediglich 136 Personen mehr als 2016!
Die eigentliche Frage, die sich daraus stellt, ist: Warum haben diese Menschen keine bezahlte Arbeit? Die Gesellschaft und die Arbeitswelt sind im Wandel, und diese Entwicklung fordert Opfer. Belastende Situationen bei der Arbeit mehren sich, und in dieser nur auf Performance ausgerichteten Welt wird es der IV nicht gelingen, Menschen mit psychischen Krankheiten und Einschränkungen zu reintegrieren.

Seit diesem Jahr kommt die IV nicht mehr in den Genuss der Einnahmen aus der Erhöhung der MwSt, die ihr 2017 noch 1,142 Mio. Franken eingebracht hatte. Da die «Weiterentwicklung der IV» auf Kostenneutralität abzielt, steht zu befürchten, dass Menschen mit psychischen Problemen künftig noch stärker unter Druck geraten. AGILE.CH ist der Meinung, dass die Rolle einer Sozialversicherung nicht darin bestehen kann, die Löcher zu stopfen, die eine zerstörerische Wirtschaftswelt aufreisst. Wenn die Wirtschaft nicht mitspielt und weniger rentablen Menschen mit Einschränkungen Arbeitsplätze bietet, wird die IV-Statistik 2018 weniger angenehm zu lesen sein, und hinter den Zahlen versteckt sich noch mehr Leid.
Die Mitteilung des BSV


Kontakt:   
Ursula Schaffner, Bereichsleiterin Sozialpolitik und Interessenvertretung
AGILE.CH Die Organisationen von Menschen mit Behinderungen
077 420 62 93 / ursula.schaffner@agile.ch

Medienmitteilung vom 5. Juni 18 als PDF-Version herunterladen