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Guter Wille mit Schwachstellen

Wie leben Asylsuchende und anerkannte Flüchtlinge mit Behinderungen in der Schweiz? Wird auf ihre besonderen Bedürfnisse eingegangen, und wie werden sie bei der Integration unterstützt? AGILE.CH hat sich auf die nicht einfache Spurensuche gemacht.

Gemäss dem UNHCR, der Flüchtlingshilfe der Vereinten Nationen, sind 2016 weltweit über 65 Millionen Menschen auf der Flucht vor Verfolgung, Unterdrückung und Bedrohung an Leib und Leben. Gemäss Handicap International Deutschland sind 10 bis 15 Prozent der Asylsuchenden in Deutschland chronisch krank oder behindert - psychische Erkrankungen ausgenommen. Aussagekräftige Daten über Flüchtlinge mit Behinderungen liegen in Deutschland allerdings nicht vor bzw. werden in der Asylstatistik nicht erfasst. Dasselbe gilt laut MonitoringAusschuss.at für Österreich, wo das Fehlen der Daten die Planung und Budgetierung entsprechender Massnahmen, wie etwa barrierefreie Unterkünfte, Sprachkurse für Flüchtlinge mit unterschiedlichem Kommunikationsbedarf, Therapien, Rehabilitationsmassnahmen oder die Bereitstellung angemessener, inklusiver Bildungsangebote, erschwert. «Behinderung & Politik» wollte wissen, wie viele Asylsuchende mit Behinderungen in der Schweiz leben und wie sie hier unterstützt, betreut und integriert werden. Wir haben beim Staatssekretariat für Migration (SEM) und bei diversen Schweizer Hilfsorganisationen nachgefragt. Das Resultat unserer Recherchen erstaunt angesichts obiger Ausgangslage nicht: Asylsuchende mit Behinderungen sind nur bei wenigen Hilfsorganisationen ein Thema, und das SEM kann uns keine Zahlen liefern, weil Behinderungen auch hierzulande nicht erfasst werden.

In Bern beispielsweise werden anerkannte Flüchtlinge im Auftrag des Kantons u.a. durch Caritas Bern und das Schweizerische Rote Kreuz Kanton Bern betreut. Sie kommen zum Zug, sobald der Asylsuchende einen positiven Entscheid, also in der Schweiz Asyl erhält und als Flüchtling anerkannt ist. Die Integrationsarbeit der Hilfswerke soll die Flüchtlinge nun darin unterstützen, ihren Alltag in der Schweiz selbständig zu gestalten, ein soziales Netz aufzubauen und langfristig wirtschaftlich auf eigenen Füssen zu stehen. Um das zu erreichen, ist es wichtig, dass die Menschen alle Informationen über das Leben in der Schweiz haben. Dazu gehören Informationen über das politische, kulturelle und soziale System der Schweiz, über Berufs- und Freizeitangebote, Gesundheitskurse, interkulturelle Treffpunkte und Tagesstrukturen für Kinder. Zudem sollen sie an sogenannten Integrationsmassnahmen teilnehmen können, also z.B. an Sprachkursen, Aus- und Weiterbildungen, Umschulungen oder Unterstützung bei der Wohnungssuche. «Individuelle, realistische Ziele werden in Beratungsgesprächen gemeinsam definiert und regelmässig reflektiert», so Frau Marti von Caritas Bern. Ganz wichtig für Flüchtlinge mit Behinderungen: Caritas Bern vernetzt sie mit freiwilligen Personen, die sie unterstützen.

Theoretisch alles klar

Caritas Bern wird in der Regel von den Asylsozialhilfestellen über sichtbare körperliche Behinderungen eines Flüchtlings vorinformiert. Hat eine Behinderung Einfluss auf die Wohnsituation, wurde dies schon während des Aufenthalts in einem kantonalen Durchgangszentrum oder einer Gemeindewohnung berücksichtigt. Auch die Vernetzung mit Ärzten und Spitälern besteht. Waren die Flüchtlinge im Asylverfahren einer Kollektivversicherung angeschlossen, werden sie bei Caritas Bern nun in das Einzelversicherungsmodell aufgenommen und, im Falle einer Behinderung oft nötig, neue Kontakte zu Spezialisten hergestellt. Ein anerkannter Flüchtling hat Anspruch auf dieselben Sozialhilfe-Bezüge wie Schweizer Bezüger/-innen.

Praktisch anspruchsvoll

Zentral für die Integration eines anerkannten Flüchtlings, ob behindert oder nicht, sind das Klären seiner Wohnsituation und das möglichst rasche Erlernen der Sprache. Die Hilfswerke unterstützen die Flüchtlinge bei der Wohnungssuche. Was sich schon im Normalfall als schwierig erweist, ist im Falle eines Flüchtlings mit Behinderungen eine Herausforderung. Einerseits sind die Wohnungen knapp, und die Vermieter stehen anerkannten Flüchtlingen eher ablehnend gegenüber. Andererseits sind die Unterkünfte in den Asylstrukturen des Kantons voll belegt, was heisst: Die Person muss rasch eine Wohnung finden zu einem Preis, den die Sozialhilferichtlinien vorgeben. «Ein Flüchtling darf bei der Wohnungssuche nicht wählerisch sein», so Frau Marti. «Einen Flüchtling mit Behinderung müssen wir natürlich intensiver unterstützen und beim Kriterium ‹Zumutbarkeit› nehmen wir Rücksicht auf seine Behinderung.» Auf die Frage nach den Auswirkungen psychischer Behinderungen sagt sie: «Grundsätzlich ist die Mehrheit unserer Klienten sehr motiviert und engagiert. Immer häufiger treffen wir aber auch auf Menschen mit psychischen Belastungsstörungen, z.B. infolge Traumata. Sie können sich nicht immer im gleichen Umfang engagieren. Hier legen wir ein besonderes Augenmerk auf die Vernetzung zu Ärzten, Psychiatern und unterstützenden Behandlungen. Grundsätzlich muss aber der Betroffene selbst wollen.»

Wie wichtig die Sprache ist, zeigt das Beispiel eines jungen Syrers, der mit seinem Bruder in die Schweiz geflüchtet ist. Als Folge von Schlägen im Gefängnis ist er gehörlos. In der Schweiz hat ihm die Krankenversicherung eine Hörprothese finanziert. Damit hat er bereits grosse Fortschritte beim Erlernen der deutschen Sprache erzielt. Es wird aber noch einige Zeit dauern, bis er neben der Sprache auch das Lippenlesen beherrscht. Wichtig dabei ist die Kombination von Einzelunterricht bei einem Audiologen und Sprachunterricht in einer Kleingruppe. Der junge Mann macht daneben erste Arbeitserfahrungen in einem Beschäftigungsprogramm und lebt in einer vollzeitlichen Tagesstruktur. Seine beruflichen Perspektiven sind im Moment noch unklar und hängen stark von seinen Fortschritten im Spracherwerb ab. Weiter sind uns Fälle von Menschen mit Seh- und Hörbeeinträchtigungen bekannt. Sie leben heute zwar in WGs und gehen ihren Weg, hatten infolge ihrer Beeinträchtigung aber grosse Schwierigkeiten, unsere Sprache zu lernen. Die Folgen waren Rückzug und Isolation. In solchen Fällen gehört es zu den Aufgaben der Sozialarbeitenden, diese Menschen, z.B. mit Information und Ideen zur Freizeitbeschäftigung, aus ihrer Isolation herauszuholen.

Thema IV?

Im besten Fall steigt bei einem Flüchtling mit Behinderungen die IV ein. Je früher desto besser, dann wird sofort sehr viel möglich, z.B. auch eine berufliche Integration, wie im Fall einer jungen Frau, minderjährig als Familiennachzug in die Schweiz gereist. In der Schule wurde bei ihr eine Intelligenzminderung entdeckt, worauf sie bei der IV angemeldet wurde. Mit Hilfe von Freiwilligen und einem guten sozialen Netz konnte die Familie ihr Leben in der Schweiz aufbauen und die Fortschritte der Tochter in Zusammenarbeit mit der Schule unterstützen. Die Frau hat später eine IV-gestützte Berufsausbildung absolviert und erfolgreich abgeschlossen. Nach intensiver Suche, unterstützt durch den Ausbildungsbetrieb, und Schnuppereinsätzen hat sie eine Stelle im ersten Arbeitsmarkt zu einem Leistungslohn angetreten. Die Frau führt mit ihrem Lohn und einer IV-Rente ein eigenständiges Leben mit Unterstützung einer freiwilligen Beistandschaft.

Wichtiges Netzwerken

«Ein Netzwerk aufbauen» ist auch beim Angebot der Hilfsorganisationen ein Kernthema und zeigt sich am Beispiel einer Frau aus Eritrea, im Boot von Eritrea über Libyen nach Italien und in die Schweiz geflüchtet. Ihre Behinderung an der Hand schränkt sie im Alltag glücklicherweise kaum ein. Sie hat sehr gut Deutsch gelernt, bereits erste Arbeitserfahrungen gesammelt und führt ein selbständiges Leben. In enger Begleitung mit einem Coach der Arbeitsintegration werden für sie mögliche Arbeits- und/oder Ausbildungsbereiche abgeklärt. Die Kontakte, die der Coach zu den Arbeitgebern herstellt, sind wichtige Türöffner, und gleichzeitig werden potentielle Arbeitgeber darauf sensibilisiert, dass die Frau ihre Hand nicht gleich gut bewegen kann wie andere. Die Chancen stehen gut, dass sie in absehbarer Zeit eine Anstellung im ersten Arbeitsmarkt findet.

Allerdings…

betreuen die hier erwähnten Hilfswerke nicht viele Flüchtlinge mit Behinderung. Und die Frage bleibt offen, ob es körperlich oder psychisch schwer behinderte Menschen überhaupt zu uns schaffen.

Silvia Raemy
Bereichsleiterin Kommunikation, AGILE.CH

Das Asylverfahren, Staatssekretariat für Migration SEM