Menschen mit Behinderungen in Flüchtlingslagern: Blick auf die Krise in Syrien

Seit 2011 verursacht der Bürgerkrieg in Syrien unzählige Tote, Traumatisierte und massive Vertreibungen der Zivilbevölkerung. Die Bombardierungen besiedelter Gebiete erzeugen eine der schlimmsten humanitären Krisen seit dem Zweiten Weltkrieg. Unter den Folgen wird eine ganze Generation auf lange Zeit leiden.

Wenn Explosivwaffen in dicht besiedelten Gebieten eingesetzt werden, sind 92% der Opfer Zivilistinnen und Zivilisten, darunter zahlreiche Kinder. Die Bilanz in Syrien ist erschreckend: 1,5 Millionen Verwundete. Die Bombardierungen verursachen bei mehr als der Hälfte der Opfer schwere Verletzungen mit komplizierten Brüchen und führen zu zahlreichen Amputationen. Dies stellt ein kürzlich erschienener Bericht von Handicap International fest. Weil das Gesundheitssystem in Syrien und den angrenzenden Staaten zusammengebrochen ist und die medizinischen Strukturen den Bedürfnissen verletzter Flüchtlinge nicht entsprechen, ist die medizinische Versorgung ungenügend. Für Patientinnen und Patienten hat das weitreichende Folgen: lebenslange Schmerzen, Amputation, Deformation des betroffenen Körperglieds, Behinderung oder sogar Tod. Die allgegenwärtigen Kämpfe und Bombardierungen zwingen die Zivilbevölkerung zur Flucht. Fast die Hälfte der syrischen Bevölkerung ist auf der Flucht. 4,8 Millionen haben Zuflucht in den Nachbarstaaten gefunden, wo viele Mühe haben, Essen und Unterkunft zu finden.

Grosse Schutzbedürftigkeit in den Flüchtlingslagern

Einer Erhebung aus dem Jahr 2014 zufolge ist ein Drittel der nach Jordanien und in den Libanon geflüchteten Syrerinnen und Syrer kriegsverletzt oder hat eine körperliche, geistige, sensorielle Behinderung oder eine chronische Krankheit. Eine schnelle medizinische und paramedizinische Betreuung verbessert ihre Chancen auf Wiederherstellung und Rehabilitation. Für diejenigen, die seit einiger Zeit mit einer Behinderung leben, bedeutet eine rasche Betreuung nach ihrer Ankunft die Stabilisierung ihres Zustands. So können sie mobil bleiben, insbesondere dank Krücken oder Rollstühlen, die auf der Flucht oft verloren gegangen sind. Flucht ist ein Synonym für den Verlust von Pflege und spezifischen Dienstleistungen, zu denen diese Menschen in Syrien Zugang hatten. Flucht bedeutet aber auch den Verlust von Netzwerken, dank derer sie ihre täglichen Bedürfnisse befriedigen und an der Gemeinschaft teilhaben konnten. Wenn man die Kontinuität der Dienstleistungen sicherstellen kann, verhindert man einen Rückschritt oder eine Verschlechterung ihrer physischen und sozialen Bedingungen. Die Bedürfnisse von Flüchtlingen mit Behinderungen sind ähnlich wie diejenigen der anderen Flüchtlinge. Sie haben aber weit mehr Hindernisse zu überwinden, um Zugang zu Basisleistungen zu finden, wie Unterkunft oder Nahrung. Häufig sind lange Distanzen in unwegsamem Gelände zu überwinden. Hindernisfreie Unterkünfte, im Erdgeschoss, sind schwer zu finden. Flüchtlinge mit Behinderungen finden sich deshalb häufig in der Isolation wieder und sind damit anderen Risiken wie Missbrauch und Ausbeutung ausgesetzt. Die Möglichkeiten, Anzeige zu erstatten, sind gering. Solche Situationen grosser Schutzbedürftigkeit sind bei allen Flüchtlingen zu beobachten, aber die spezifischen Bedürfnisse medizinischer oder anderer Natur erhöhen den Schutzbedarf von Flüchtlingen mit Behinderungen oder Verwundungen und vermehren die Herausforderungen, die tagtäglich überwunden sein wollen.

Menschen mit Behinderungen: von der Nothilfe vergessen

Menschen mit Behinderungen sind unter den Schutzbedürftigsten im Falle eines Konflikts oder einer Naturkatastrophe. 20 Millionen von ihnen sind momentan einer humanitären Krise ausgesetzt. Schon in ihren Herkunftsgemeinschaften werden sie oft marginalisiert. Wenn sie dann aus einem Katastrophengebiet fliehen und humanitäre Hilfe beanspruchen müssen, dann ist das viel schwieriger als für Menschen ohne Behinderungen. Allzu oft entgehen sie dem Radar der humanitären Organisationen, die Aktionen mit breitem Spektrum durchführen. Die Organisationen haben nicht immer die Kompetenz, um Menschen mit Behinderungen und ältere Menschen zu identifizieren und in ihre Nothilfepläne einzuschliessen. Einer Erhebung zufolge, die Handicap International 2015 durchführte, sind drei Viertel der befragten Menschen mit Behinderungen der Meinung, dass sie keinen angemessenen Zugang zu grundlegendster Hilfe (Wasser, Nahrung, Unterkunft, medizinische Betreuung) haben. Die Hälfte der Befragten hielt fest, dass sie keinen Zugang zu spezifischer Betreuung haben (Rehabilitation und Hilfe bei der Mobilität).

Für eine inklusivere humanitäre Hilfe

Um eine bessere Berücksichtigung der Bedürfnisse der Millionen Menschen mit Behinderungen, die von humanitären Krisen betroffen sind, in Gang zu bringen, hat Handicap International eine Charta für die Inklusion von Menschen mit Behinderungen in der humanitären Hilfe mitverfasst. Die Charta wurde Nichtregierungsorganisationen, Staaten und Geldgebern anlässlich des Humanitären Weltgipfels, der vergangenen Mai in Istanbul stattfand, zur Unterzeichnung vorgelegt. Seither haben 130 von ihnen die Charta unterzeichnet. Begleitet wird sie von einem Aktionsplan zur Umsetzung. Die Charta verlangt ein Engagement der Akteure des humanitären Bereichs, um Menschen mit Behinderungen in die Nothilfe einzuschliessen und ihre Bedürfnisse und Rechte in den Hilfsprogrammen zu berücksichtigen. Das entspricht dem humanitären Prinzip der Unparteilichkeit, das gebietet, dass die Schutzbedürftigsten Vorrang haben. Es geht darum, Dienstleistungen und Infrastrukturen an die Bedürfnisse von Menschen mit Behinderungen anzupassen und sie besser zu berücksichtigen, wenn Programme aufgebaut werden, und ihnen zuzuhören, denn sie kennen ihre Bedürfnisse selbst am besten.

Handicap International: eine inklusive humanitäre Aktion

Die Programme von Handicap International berücksichtigen schutzbedürftige Menschen. Die «Anlaufstellen Behinderung und Schutzbedürftigkeit» sind ein schönes Beispiel dafür. Diese vorübergehenden, flexiblen Strukturen bestehen aus einem Zelt, einer vorgefertigten Unterkunft. Sie werden mitten in den betroffenen Gemeinschaften aufgestellt und häufig von fliegenden Teams (Physiotherapeuten und Sozialarbeiter) begleitet, die sicherstellen, dass die schutzbedürftigen Menschen Zugang zu Hilfe haben. Parallel dazu begleitet die Organisation die Programme zahlreicher humanitärer Organisationen, um sich zu vergewissern, dass sie für alle zugänglich sind. Sie bietet auch Weiterbildungen und Sensibilisierungskampagnen für humanitäres Personal an.

Kampagne «Die Zivilbevölkerung zu bombardieren, ist nicht Krieg, sondern ein Verbrechen!»

Im September 2015 hat Handicap International eine internationale Kampagne lanciert, um der Bombardierung von Zivilbevölkerungen ein Ende zu setzen. Die Organisation appelliert an die Staaten, sich einer politischen Erklärung anzuschliessen, die dem Einsatz von Explosivwaffen in besiedelten Gebieten ein Ende setzen und die Leiden der Zivilbevölkerung anerkennen will. Zu diesem Zweck hat sie die Koalition INEW (International Network On Explosive Weapons) mitbegründet, die mehrere internationale und nationale Organisationen vereint.

Petra Schroeter
Handicap International Schweiz, Geschäftsführerin

Die im Text zitierten Dokumente von Handicap International:

Info

Der Bürgerkrieg in Syrien: