Doppelte Exklusion

Das Thema ist kein Thema. Oder zumindest nicht dort, wo es eines sein müsste. Dabei haben es Menschen mit Behinderungen auf der Flucht und im Asylverfahren doppelt schwer. Während Behörden und auch Medien sich auf Einzelfälle konzentrieren, bleiben Grundprobleme ungelöst. Ein Kommentar.

Die Zahlen sind erschreckend: 65 Millionen Menschen weltweit sind auf der Flucht. Geschätzte 10 bis 15 Prozent davon sind Menschen mit Behinderungen. Oder in Zahlen: zwischen 6’500’000 und 9’750’000. Zum Vergleich: Die Schweiz zählt aktuell gut 8,3 Millionen Einwohner/-innen. Und: In die Zahl der Menschen mit Behinderungen auf der Flucht sind solche mit psychischen Einschränkungen noch nicht mal eingerechnet.

Friede, Freude, Eierkuchen. Wirklich?

Befasst man sich eingehender mit dem Thema, wie es die Redaktion von «Behinderung & Politik» in den letzten Wochen getan hat, gewinnt man den Eindruck, dass die meisten Asylsuchenden mit Behinderungen anscheinend einen weiten Bogen um die Schweiz herum schlagen. Asylsuchende mit Behinderungen? Einzelfälle, alles nur Einzelfälle! Konkrete Zahlen? Gibt es nicht. Das Bundesamt für Statistik erhebt zwar - bezeichnenderweise? - Daten über Sozialhilfeempfänger/-innen im Asyl- und Flüchtlingsbereich. Über Menschen mit Behinderungen im Asyl- und Flüchtlingsbereich gibt es aber Null Material. Vielleicht ist ja wirklich alles gar nicht so dramatisch. Vielleicht hat die Redaktion von «Behinderung & Politik» wieder einmal die Flöhe husten gehört. Und dann sind wir auf die Geschichte von Issam gestossen (siehe S. 6). Issam ist mit Sicherheit kein Einzel- oder Ausnahmefall.

Die Unsichtbaren

Bereits 2007 hat das UNO Hochkommissariat für Flüchtlinge (UNHCR) aufgelistet, worauf bei Asylsuchenden und Flüchtlingen mit Behinderungen speziell zu achten sei: Hindernisfreie Wohnmöglichkeiten, sensibilisierte Betreuungspersonen, angepasste Verfahren, geeignete Gesundheitsversorgung, entsprechende Bildungsmöglichkeiten gehören unter anderem dazu. 2010 stellt ein Bericht des UNHCR fest, dass Asylsuchende mit Behinderungen immer noch weitgehend unsichtbar geblieben seien («…asylum seekers with disabilities have remained largely invisible.»). Als Grund für die Unsichtbarkeit wird die Angst vor Diskriminierung genannt. In den sechs Jahren seit Entstehen dieses Berichts hat sich zumindest in der Schweiz die Unsichtbarkeit nicht in Sichtbarkeit gewandelt. Wäre es nicht an der Zeit, alles zu tun, um den Betroffenen die Angst zu nehmen?

Und bezeichnenderweise gibt es in der Schweiz auch keine Bewegung wie in Deutschland und Österreich, die spezifische Massnahmen und Unterstützung für Asylsuchende und Flüchtlinge mit Behinderungen fordert. Das Thema ist bei uns kein Thema.

Aktennummer N 1 687 523

Hauptsache, die Asylakte kann geschlossen werden und der «Fall» ist vom Tisch. Egal, ob mit einem positiven oder negativen Entscheid oder mit einer vorläufigen Aufnahme. Hauptsache, der «Fall» macht keine Mühe, stellt keine speziellen Anforderungen und meldet keine besonderen Bedürfnisse an. So, wie es Menschen mit Behinderungen mitunter halt tun, tun müss(t)en.

Es ist bezeichnend, dass die Recherchen über Asylsuchende und Flüchtlinge mit Behinderungen so schwierig waren. Wir wissen zwar immer noch nicht, wie es ihnen in der Schweiz wirklich geht. Immerhin eines aber wissen wir: Im Asylbereich herrscht ein mindestens ebenso gerüttelt Mass an Unverständnis und fehlender Sensibilität für die Probleme und Anliegen von Menschen mit Behinderungen wie im «normalen» Leben. Das Tragische daran ist, dass Asylsuchende und Flüchtlinge mit Behinderungen gleich doppelt von Exklusion betroffen sind. Als Menschen im Asylverfahren. Und als Menschen mit Behinderungen.

Suzanne Auer
Zentralsekretärin, AGILE.CH