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«Recht auf Arbeit?! Die Rechte von Menschen mit Behinderungen in der Arbeitswelt»

Gleichstellungstag, 17. September 2015 – Tagungsbericht

Magali Corpataux, secrétaire romande AGILE.CH – Uebersetzung Suzanne Auer

Man hätte meinen können, dass der sintflutartige Regen, der am frühen Nachmittag des 17. September 2015 auf Bern niederprasselte, auch die Wagemutigsten hätte abschrecken müssen. Doch das Gegenteil war der Fall: Über 100 Teilnehmende – ein neuer Rekord – drängten sich am Gleichstellungstag, den der Gleichstellungsrat.ch und AGILE.CH organisiert hatten. Will heissen: Das Thema 2015 «Recht auf Arbeit?! Die Rechte von Menschen mit Behinderungen in der Arbeitswelt» ist brandaktuell.

Arbeiten, um den Lebensunterhalt zu verdienen, Teil eines Unternehmens zu sein, seinen Platz in einem Team zu haben: Das ist doch eine Selbstverständlichkeit, nicht wahr? Für viele Menschen mit Behinderungen ist das alles aber vielmehr ein Gral, der angesichts der Bewerbungen, die ohne Antwort bleiben, der Enttäuschungen und Misserfolge in immer weitere Ferne rückt. Helen Zimmermann, Vizepräsidentin des Gleichstellungsrats, eröffnete den Gleichstellungstag mit einigen konkreten Beispielen für eindeutige Diskriminierung.

Roger Derrer, Thuner Unternehmer und ausgezeichnet mit dem «Sozialstern» für seine Verdienste im Bereich psychische Einschränkungen, berichtete anschliessend von den Erfahrungen, die er in seinem Informatikunternehmen mit Lernenden mit psychischen Einschränkungen gemacht hat. Sensibilisiert durch Betroffene in seinem Umfeld, lobte der Berner die Fähigkeiten dieser speziellen Lernenden, die häufig gerade für Informatik begabt sind, weil sie sich auf spezifische Einzelaspekte konzentrieren, die Menschen ohne Behinderungen nicht zwingend auffallen. Transparent zeigte er auch auf, dass Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen mehr Zeit brauchen und weniger Stressresistent sind. «Es verlangt von einem, die Bedürfnisse und Erwartungen jedes einzelnen zu verstehen, und vor allem muss man ihnen Rechnung tragen. Gute Planung ist eines der wesentlicheren Elemente unseres Erfolgs.» Seit er die Auszeichnung erhalten hat, dadurch ins Scheinwerferlicht geraten und einer breiteren Öffentlichkeit bekannt ist, wird er überschwemmt mit Anfragen für Praktika und Lehrstellen: «Sind wir die Einzigen, die eine solche Ausbildung anbieten?» Die Frage ist die Antwort darauf.

Die UNO-BRK? Ja, aber…

Die Schweiz hat erfreulicherweise 2014 die UNO-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen (UNO-BRK) ratifiziert. In Artikel 27 hält diese fest:

«Die Vertragsstaaten anerkennen das gleiche Recht von Menschen mit Behinderungen auf Arbeit; dies beinhaltet das Recht auf die Möglichkeit, den Lebensunterhalt durch Arbeit zu verdienen, die in einem offenen, integrativen und für Menschen mit Behinderungen zugänglichen Arbeitsmarkt und Arbeitsumfeld frei gewählt oder angenommen wird. Die Vertragsstaaten sichern und fördern die Verwirklichung des Rechts auf Arbeit, […]»

Alles läuft also bestens in dieser besten aller Welten, und für Menschen mit Behinderungen genügt es von nun an, die UNO-BRK zu schwenken, um ihren Traumjob zu bekommen. Wirklich? Leider liegen die Dinge nicht so einfach. Dr. iur. Caroline Hess-Klein, Abteilungsleiterin Gleichstellung bei Integration Handicap, zeigte die Grenzen der UNO-BRK und des Behindertengleichstellungsgesetzes (BehiG) auf, das in der Schweiz seit gut zehn Jahren in Kraft ist. Die Juristin betonte, dass zwischen der UNO-BRK und den zur Verfügung stehenden Mitteln eine Lücke klafft: Das BehiG geht zu wenig weit, insbesondere im Bereich Arbeit, und sein Einfluss ist sehr überschätzt worden. Die Kantone z.B. stützen sich sehr wenig auf dieses gesetzgeberische Instrument.

Caroline Hess-Klein appellierte schliesslich an die Transparenz: «Die Arbeitgeber sorgen sich: ‘Wie kann ich die Zusammenarbeit mit einem Angestellten ins Auge fassen, der mit 100% angestellt ist, aber dessen Arbeitsleistung nur 80% beträgt? Was habe ich davon? Welche zusätzlichen Einrichtungen braucht er?’ Diese Fragen sind legitim, und ich glaube, dass es wichtig ist, sie zu beantworten.»

Auf dem Applausmesser erreichte an diesem Donnerstagnachmittag Simone Leuenberger den höchsten Wert. Die junge, muskelkranke Frau ist Gymnasiallehrerin und wissenschaftliche Mitarbeiterin bei AGILE.CH. Mit ihrem Freimut, ihrer Frische, ihrer Bestimmtheit und ihrem Humor berührte sie das Publikum. Ihr Referat, das auf der Feststellung problematischer Situationen basierte, für die sie Lösungsansätze aufzeigte, enthielt viele sachdienliche und inspirierende Strategien. Mit ihren Anekdoten, ihrem intensiven Engagement, ihrer ruhigen Selbstsicherheit und dem Vertrauen in ihre Legitimität eroberte sie das Publikum für sich: «Eine Flasche öffnen geht nicht, einen Vortrag halten wie hier schon. An die Wandtafel schreiben: ein «No-Go». Ganze Schulklassen zur kaufmännischen Berufsmaturität führen aber ist meine tägliche Arbeit. Ich versuche, möglichst alle Schwierigkeiten selbst aus dem Weg zu räumen, überlasse das nicht meinem Arbeitgeber und möchte meine Verantwortung wahrnehmen. Ich sage, was ich brauche, was ich kann und was nicht. Ich bin offen und transparent. Ich gehe nicht davon aus, dass die anderen wissen sollten, was ich kann und was ich brauche.» Im Leben bringen Nachteile manchmal Vorteile mit sich: Durch Simone Leuenbergers Präsenz wurden 600 Gymnasiastinnen und Gymnasiasten ganz konkret sensibilisiert für das Engagement von Menschen mit Behinderungen und davon überzeugt.

Nach diesem positiven Schluss wartete die Kaffeepause. Die Teilnehmenden mit vier Pfoten waren die ersten, die ihre unüberhörbare Freude zeigten, sich die Beine vertreten zu können, während ihre blinden oder sehbehinderten Chefinnen und Chefs – wie alle anderen Anwesenden – die Gelegenheit nutzten, sich zu treffen, sich zu unterhalten und Erfahrungen auszutauschen.

Verhalten und Unternehmenskultur

Die Podiumsdiskussion, die Ursula Schaffner schwungvoll moderierte, führten Jeannine Pilloud, Leiterin Personenverkehr bei den SBB, Martin Kaiser, Bereichsleiter Sozialpolitik und Sozialversicherungen beim Schweizerischen Arbeitgeberverband, und Simone Leuenberger.

Die Bereichsleiterin Sozialpolitik von AGILE.CH leitete ihre Moderation mit einer kleinen Provokation ein: «Recht auf Arbeit? Aber sicher! Recht auf einen Arbeitsplatz? Vielleicht…». Anschliessend stellte sie ihren Gästen die Frage, was sie denn konkret unternähmen, um Angestellte mit Behinderungen zu beschäftigen. Jeannine Pilloud führte das Beispiel der Lokführer an, die durch «Personenunfälle» oder Selbstmörder, die sich unter Züge werfen, traumatisiert sind, und erwähnte die Anstrengungen des ehemaligen Bundesbetriebs, für diese Mitarbeitenden eine Stelle innerhalb des Betriebs zu finden. Martin Kaiser betonte, dass es für Menschen mit Behinderungen die Gelegenheit gebe, sich auf dem Arbeitsmarkt zu profilieren, da es aktuell an qualifizierten Arbeitskräften mangle. Er erinnerte auch an die Sozialpartnerschaft und daran, wie wichtig es sei, dass sich Arbeitgeber, Mitarbeiter mit Behinderungen und Kollegen verstünden: «Speziell gilt das für psychische und nicht sichtbare Behinderungen. Einem Kollegen im Rollstuhl, der nicht an die Ordner im Regal herankommt, hilft man spontan. Die Bedürfnisse einer Person mit bipolarer Störung sind weniger evident.»

Unternehmenskultur, Verhalten, Verständnis, Transparenz, Anpassungsfähigkeit: schöne Worte, die in den Wortmeldungen immer wieder auftauchten. Sicher auch wichtige Worte. Trotzdem drängt sich eine Feststellung auf: Man bekam an diesem Nachmittag sehr den Eindruck, dass das berufliche Schicksal von Menschen mit Behinderung stark und oft – allzu oft – von der Persönlichkeit und dem guten Willen des/der Personalverantwortlichen abhängt. Von den sozialen Kompetenzen der besonders brillanten Mitarbeitenden mit Behinderung und ihrem aussergewöhnlichen Selbstbewusstsein. Für alle andern – diejenigen, die nicht meinen, dreimal mehr leisten zu müssen als Menschen ohne Behinderung, und diejenigen, die nicht über ein unerschütterliches Selbstvertrauen verfügen – fehlt es in der Schweiz noch sehr an konkreten Mitteln, um endlich von all diesen ungenutzten Fähigkeiten profitieren zu können. Und der Gleichstellungsrat.ch muss weiterhin informieren, appellieren, sensibilisieren, fordern…

Hoffnung und Ermutigung

Am Ende der Diskussion wandte sich Eva Aeschimann, Kommunikationsverantwortliche bei AGILE.CH und Sekretärin des Gleichstellungsrat.ch, an die Anwesenden, um sie einzuladen, ihre – guten und schlechten – Erfahrungen auf dem Arbeitsmarkt zu teilen. Über die E-Mail-Adresse arbeit@agile.ch, die während einiger Wochen in Betrieb sein wird, können Erfahrungen auf dem Arbeitsmarkt mitgeteilt werden. Sie werden dazu dienen, eine Plattform zu schaffen, die für alle Akteure der Arbeitswelt nützlich ist.

Und dann die Überraschung, als es Zeit geworden ist, nach Hause zu gehen und in der Garderobe die durchnässten Regenmäntel und immer noch tropfenden Regenschirme zu holen: Strahlender Sonnenschein fällt durch die Fenster des Hotel Bern. Wie ein ermutigendes Augenzwinkern aus dem Himmel, mit einer einzigen Botschaft: Nach dem Regen kommt die Sonne.

Tagungsbericht als PDF (26 KB)

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