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Antipersonenminen - und wie sie Kindheiten zerstören

Seitdem am 1. März 1999 das internationale Übereinkommen über das Verbot des Einsatzes von Antipersonenminen in Kraft getreten ist, blieben tausende von Menschenleben verschont. Aber auch heute noch töten und verstümmeln diese Sprengkörper jedes Jahr über 3500 Menschen, darunter viele Kinder. Aus dem Leben eines Opfers.

Der Einsatz von Explosivwaffen ist verheerend, auch und gerade in städtischen Gebieten. Am Abend des 3. April 2007 trat der 11-jährige Schwan Wahab auf eine dieser verderbenbringenden Antipersonenminen. Es geschah, als er mit seiner Familie an ihren Wohnsitz in Kirkuk im Nordirak zurückkehrte. Schwan wurde in ein Spital im benachbarten Kurdistan gebracht, wo man ihm beide Beine amputierte. Nach mehreren Wochen im Spital infizierte sich einer der beiden schlecht vernarbten Stümpfe. Schwans Vater wollte ihm Prothesen beschaffen. Dazu wandte er sich an eine Wohlfahrtsorganisation, die irakische Kinder zu lebensnotwendigen Eingriffen nach Deutschland schickte.

Der verschlungene Weg ins Exil

Um Weihnachten 2009 herum kam Schwan mit einer Gruppe behinderter und schwerkranker Kinder in Deutschland an. Bevor er auch nur die geringste Behandlung erhielt, deckte die deutsche Polizei auf, dass die sogenannte Wohltätigkeitsorganisation, die die Kinder nach Deutschland geschmuggelt hatte, krimineller Natur war. «Das war der reine Betrug», stellt Schwan fest. Die Kinder wurden daraufhin bei Gastfamilien untergebracht. Sechs Monate lang fand Schwan bei einer von ihnen Aufnahme; von Prothesen war nicht mehr die Rede. Inzwischen entschied einer der Onkel von Schwan, der in Freiburg wohnt, ihn in die Schweiz zu bringen. Er beauftragte einen Schlepper, der ihn an der Grenze abstellte. Schwan reiste illegal in die Schweiz ein, schien jeder Kontrolle zu entgehen. Vielleicht, weil er ein Kind war, allein, behindert?

Glücklich über die Asylgewährung

Schwan erinnert sich nicht mehr, wo genau er die Grenze überquerte. Aber wie es das Asylverfahren vorsieht, wurde er in ein Erstaufnahmezentrum des Bundesamts für Migration eingewiesen, ins Zentrum Vallorbe im konkreten Fall. Er blieb nur wenige Stunden dort, denn sein Onkel holte ihn ab. «Ich hätte ohnehin nicht in Vallorbe bleiben können», sagt Schwan. «Das Zentrum war nicht an die Bedürfnisse von Menschen mit Behinderungen angepasst.» Sein erster Eindruck von der Schweiz: das Gefühl, «das alles schon im Fernsehen gesehen zu haben», ein wenig wie im Film The Italian Job. Doch wie fühlte er sich, so entwurzelt und weit weg von seiner Familie? «Es war schwierig. Vor allem aber war ich froh, nicht mehr im Irak zu sein.» Und dank Skype hatte er Kontakt mit seiner Familie. Fünf Monate lang wohnte Schwan bei seinem Onkel, Besitzer eines Kebabs in Freiburg, ohne dass er eingeschult worden wäre. Der Onkel und seine Frau arbeiteten den ganzen Tag, während der Jugendliche nichts zu tun hatte und seine Zeit auf der Strasse verbrachte. Dort bemerkte ihn ein Sozialarbeiter des nahegelegenen Jugendamts und unternahm Schritte, um den jungen Asylsuchenden einzuschulen.

Kirkuk – Freiburg, ohne Rückfahrkarte

Das Foyer Saint-Etienne in Freiburg nimmt Kinder und Jugendliche mit persönlichen und familiären Schwierigkeiten auf. Schwan trat dort Anfang 2010 ein und blieb anderthalb Jahre. Sofort nahm er einen Sprachkurs auf. Parallel dazu unternahm sein Onkel Schritte, damit die Familie Wahab aufgrund einer Familienzusammenführung in die Schweiz kommen konnte. Ungewöhnlich für einen solchen Fall: Das Verfahren dauerte nur gerade sechs Monate, was sehr kurz ist. Vielleicht, weil Schwan noch so jung war oder wegen seiner Behinderung? Er weiss es nicht. Woran er sich aber erinnert, das ist die Ankunft seines Vaters, seiner Mutter und seiner jüngeren Geschwister im Jahr 2011. Im Unterschied zu ihm selbst verbrachte die Familie einige Wochen im Erstaufnahmezentrum Vallorbe, bevor sie nach Freiburg kam. Die Familie, die den Flüchtlingsstatus erhalten hat, ist seither endlich wieder vereint, mit Ausnahme der beiden älteren Schwestern, die im Irak geblieben sind.

Eine klassische Schullaufbahn

In der Orientierungsstufe in Belluard sei er «ein Schüler wie alle anderen gewesen», findet Schwan. Zu seiner grossen Überraschung schloss er sein erstes Jahr erfolgreich ab. «Ich passte mich an, ohne mir dessen bewusst zu sein. Ich war motiviert, deshalb lernte ich schnell», stellt er im Nachhinein fest. Seine Behinderung, meint er, stellte kein Problem dar. Das Schulhaus jedenfalls war hindernisfrei und zugänglich. Das war auch so im Interprofessionellen Weiterbildungszentrum in Granges-Paccot, wo Schwan nach einem einjährigen Unterbruch eine kaufmännische Lehre absolvierte. Abgesehen von den Sprachfächern hatte er keinen Bedarf an Kompensationsmassnahmen, um dem Unterricht folgen zu können. Schwan fühlte sich auch nicht diskriminiert, weder wegen seiner Behinderung noch wegen seiner nahöstlichen Herkunft. «Es gibt immer Leute, die Anspielungen auf Ausländer machen, aber das hindert mich nicht daran, mein Leben zu führen.»

Wertvolle Unterstützung von Pro Infirmis

Schwan bekam weder eine Rehabilitation noch medizinische Massnahmen. Er begnügte sich mit einem Rollstuhl, der irgendwo aufgetrieben werden konnte. Die Prothesen, die er erhielt, waren nicht angepasst und demzufolge unbrauchbar. Sein behandelnder Arzt hatte ihn zwar ins Inselspital Bern geschickt, damit er besser angepasste Prothesen erhalten sollte, aber die Versicherung lehnte die Finanzierung ab. Schwer zu glauben. «Vielleicht sollte ich meinen Antrag noch einmal stellen?», überlegt er. Pro Infirmis Freiburg half dem jungen Mann und verschaffte ihm und seiner Familie eine ganze Reihe von Hilfestellungen und Ratschlägen. Sandra Modica, Sozialarbeiterin, beschaffte die Mittel, um manche Transporte zu finanzieren, die für Schwan notwendig sind. Genauso lief es mit seinem Führerschein, den er seit dem Sommer letzten Jahres in der Tasche hat. Schwan spielt als Halbprofi in der Rollstuhl-Basketball-Mannschaft der Pilatus Dragons Luzern. Das Fitness-Training, das ihm hilft, seine Kondition zu halten, finanziert ihm Pro Infirmis dank privater Spenden.

Wille + Widerstandskraft = Autonomie + Zukunftsperspektiven

«Bereit für die Paralympics 2020 in Tokio?» Statt auf diese Frage zu antworten, grinst Schwan nur. Momentan sucht er eine Stelle. Mit seinem EFZ Kaufmann, das er im vergangenen Sommer erworben hat, fände er gerne eine Anstellung im Immobiliengeschäft. Das würde ihm erlauben, ein Auto zu kaufen und anzupassen, damit er sich einfacher fortbewegen und seine Autonomie verbessern könnte. «Die Basketball-Trainings finden zweimal pro Woche in Luzern statt. Und dann bin ich auch gerade von meiner Familie weggezogen, um jetzt alleine in Domdidier zu leben.» Ein schönes Beispiel für selbstbestimmtes Leben.

Seitdem die Familie Wahab in die Schweiz gekommen ist, hat sich die Situation im Irak nicht beruhigt. Kein Tag vergeht ohne Anschläge oder Geiselnahmen. Schwan ist mit seinen älteren Schwestern im Irak in Kontakt geblieben. Und er weiss um sein Glück, auch in Zukunft in der Schweiz leben zu können und ein fast normales Leben zu führen in dem Land, dessen Bürger er seit einigen Monaten ist.

Catherine Rouvenaz
Secrétaire romande, AGILE.CH