75 Jahre ASPr – Schweizerische Vereinigung der Gelähmten

Ein Jubiläum, besonders wenn es ein so markantes wie das 75-jährige Bestehen ist, ruft geradezu nach einer Festschrift. Seit wenigen Tagen ist nun jene der ASPr-SVG/Polio.ch zu haben. Lesen lohnt sich!

Für Sie gelesen von Bettina Gruber

Wissen Sie, was sich hinter der Abkürzung «SVG» verbirgt? Oder ist Ihnen «ASPr» eher ein Begriff? Ja genau, es handelt sich um jene Behinderten-Selbsthilfeorganisation, die von Menschen mit Kinderlähmung (Polio) gegründet wurde.

Und damit sind wir schon mitten im Thema. Dass die französische Abkürzung des Vereinsnamens bekannter ist, kommt nicht von ungefähr: Die Schweizerische Vereinigung der Gelähmten – oder eben Association Suisse des Paralysés – wurde 1939 in der Romandie gegründet, als durch den Ausbruch des zweiten Weltkriegs ein weiteres Zusammengehen mit der französischen Organisation unmöglich wurde.

Das Gewicht, das die französische Sprache für die Schweizerische Vereinigung der Gelähmten hat, widerspiegelt sich in der Geschichte der Vereinszeitschrift «Faire Face»: Es war ein langer Prozess, ein Gleichgewicht zwischen den Sprachregionen zu finden. Die vorliegende Festschrift nun ist fast durchgehend zweisprachig, sodass es uns freisteht, das Original oder die Übersetzung eines einzelnen Beitrags zu lesen.

Diese Festschrift hat mich beeindruckt. Gerade, weil sie nicht in Hochglanz daherkommt, sondern in einfacher, aber ansprechender Form die Geschichte der Organisation nachzeichnet. Sie richtet sich in erster Linie an die eigenen Mitglieder und weitere Menschen mit Polio und erst in zweiter Linie an ein weiteres Publikum. Das finde ich mutig. Das verdient Respekt in einer Zeit, in der perfektes mediales Auftreten alles ist. Gerade dank diesem unverfälschten Auftritt gibt das 90-seitige Buch einen guten Einblick, auch für Aussenstehende.

Bereits auf den ersten Seiten werden die Leserin und der Leser mit Haut und Haar hereingenommen, wenn Betroffene von jenem Tag vor 50, 60 oder 70 Jahren erzählen, der ihr Leben auf einen Schlag verändert hat. Sie waren damals noch Babys oder Schulkinder, als sie an Polio erkrankten. Wie muss die Isolation im Spitalbett traumatisch gewesen sein für ein kleines Kind – von einem Moment auf den anderen von seiner Familie hermetisch getrennt!

Umso beeindruckender, wie zahlreiche der betroffenen Menschen trotz oder vielleicht gerade wegen ihres Handicaps zu starken Persönlichkeiten herangewachsen sind und nicht nur das eigene Leben in die Hand genommen haben, sondern auch die Energie fanden, sich mit ebenfalls Betroffenen zusammenzutun.

Selbsthilfe von der Pike auf. Wir lesen da von den Schreibgruppen, die ein Mittel waren, trotz Mobilitätsproblemen miteinander in Kontakt zu bleiben. Wir staunen über die Beharrlichkeit, mit der die Betroffenen die Gründung von Wohn- und Arbeitsstätten für Gelähmte verfolgten und sich für die Geldbeschaffung mächtig ins Zeug legten. Wir lesen von Generalversammlungen, die mit bis zu 150 Teilnehmenden im Rollstuhl eine logistische Meisterleistung waren. Wir lesen aber auch von Finanzsorgen, ungenügend geheizten Büros, Strategieproblemen und Nachwuchsmangel. Diese Ehrlichkeit macht die Lektüre spannend.

Trotzdem: Ist Kinderlähmung nicht ein Thema von gestern, allenfalls interessant für Geschichtsinteressierte? Dieser Eindruck könnte entstehen. Die jungen Generationen hier in der Schweiz kennen die Kinderlähmung nicht mehr, seit ein Impfserum die Krankheit bei uns ausgerottet hat. Dennoch bleibt Polio ein Thema. Einerseits, weil zahlreiche Polio-Betroffene nach einem halben Leben von den Spätfolgen dieser Krankheit eingeholt werden, die heute unter dem Namen Post-Polio-Syndrom zusammengefasst werden. Zum andern, weil der Kampf gegen Polio auf Weltebene noch längst nicht gewonnen ist. Im Gegenteil, in Kriegsgebieten im Orient ist die Krankheit wieder auf dem Vormarsch. Auch Sensibilisierungsarbeit bei Ärztinnen und Ärzten braucht es nach wie vor. Oder sogar mehr als früher, denn junge Schweizer Ärzte und Ärztinnen kennen die Kinderlähmung kaum aus eigener Praxis, sind aber mit Patientinnen und Patienten mit Spätfolgen oder mit Migranten und Migrantinnen konfrontiert, die an Kinderlähmung erkrankt sind.

So schnell wird der ASPr also die Arbeit nicht ausgehen. Für die nächsten 75 Jahre wünscht AGILE.CH ihrer Mitgliedorganisation und allen Aktiven viel Elan und alles Gute.

75 ans Association Suisse des Paralysés ASPr, 75 Jahre Schweizerische Vereinigung der Gelähmten SVG, Eigenverlag ASPr-SVG/Polio.ch 2014.
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