Simone Leuenberger ist Dozentin bei der Weiterbildung «Politische Selbstvertretung von Menschen mit Behinderung». Die 34jährige Wirtschaftswissenschafterin und Lehrerin ist wegen einer Muskelkrankheit im Rollstuhl unterwegs und engagiert sich seit 1996 in der Behindertenpolitik.
Simone Leuenberger, Sie sind Dozentin beim E-Learning-Pilotprojekt von AGILE Behinderten-Selbsthilfe Schweiz, was reizt Sie an dieser Aufgabe?
Ich bin gerne mit Leuten unterwegs und fordere sie heraus, sich an Dinge zu wagen, die sie sich nicht zutrauen würden. Andererseits ist es mir ein grosses Anliegen, dass wir Menschen mit einer Behinderung uns in der Politik einmischen, denn wir sind Experten in Sachen Behinderung. Als Dozentin bei dieser Weiterbildung kann ich beides verbinden. Ich kann Leute in die Behindertenpolitik einführen und sie motivieren für ihre eigenen Anliegen einzustehen. Und ich kann sie unterstützen beim Realisieren eigener Projekte. Davon verspreche ich mir auch eine multiplikative Wirkung.
Sie leben mit Behinderung, diese Weiterbildung richtet sich ausschliesslich an Menschen mit Behinderung, weshalb braucht es solche Weiterbildungen?
Menschen mit einer Behinderung stossen in einer noch nicht barrierefreien und gleichberechtigen Gesellschaft immer wieder auf Hindernisse. Diese zu beseitigen muss gelernt werden. Leider lernen das häufig nicht einmal diejenigen Menschen mit einer Behinderung, die ihre Schulzeit noch in speziell für sie ausgerichteten Schulen (Sonderschulen) absolvieren müssen. Diese Lücke füllt unsere Weiterbildung aus.
Was ist Ihr Ziel der Weiterbildung «Politische Selbstvertretung für Menschen mit Behinderung»?
Ich will Menschen mit einer Behinderung motivieren politisch aktiv zu sein und sich für ihre Rechte einzusetzen. Sie sollen merken, dass sie wichtige Fähigkeiten haben. Sie sollen Mut bekommen, sich zu äussern und eigene Anliegen zu vertreten. Wenn nicht wir für unsere Gleichstellung kämpfen, wer dann? Es gibt noch viel zu tun, und deshalb brauchen wir Leute, die in ihrem Umfeld, mit ihren Möglichkeiten anpacken.
Weshalb sollen sich Menschen mit Behinderung politisch selbst vertreten?
Genau so wie die Männer lange Zeit nicht für die Gleichstellung der Frauen gekämpft haben, kämpfen Nichtbehinderte ohne Bezug zu Behinderung kaum für die Gleichstellung und Selbstbestimmung von Menschen mit einer Behinderung. Das ist keine Kritik oder Abwertung. Sie haben einfach andere Aufgaben und Anliegen. Sie können höchstens versuchen, sich in Menschen mit einer Behinderung hineinzuversetzen. Was es wirklich heisst, mit einer Behinderung zu leben und Diskriminierung und Ausgrenzung am eigenen Leib zu erfahren, weiss nur wer tagtäglich damit lebt und die Behinderung nach der Arbeit mit nach Hause nimmt.
Was lernen die Kursteilnehmenden in dieser Weiterbildung?
Sich für ihre Rechte ein zu setzen! Das klingt einfach, umfasst aber sehr viel. Denn zuerst müssen sich die Teilnehmenden zutrauen, dies überhaupt in Angriff zu nehmen. Deshalb machen sie ein Stärkenprofil. Sie sollen als Erstes erkennen, was sie bereits alles können und gerne tun. Da kommt oft einiges zu Tage, woran man selbst nie gedacht hätte. In einem nächsten Schritt lernen die Teilnehmenden verschiedene Themen der Behindertenpolitik kennen: Gleichstellung in Verfassung und Gesetz, freier Zugang, Gleichstellung in Schule, Ausbildung und Beruf, Leben im Heim und leben mit persönlicher Assistenz, Selbsthilfe, Lebensrecht und Gewalt, doppelte Diskriminierung von Frauen mit einer Behinderung usw. Damit sollen sie für ihre eigenen Anliegen und auch für diejenigen von anderen Menschen mit einer Behinderung sensibilisiert werden. Oft sind uns nämlich Ungleichbehandlungen gar nicht bewusst, weil wir sie gewohnt sind. Kennen wir erst einmal unsere Rechte, erkennen wir auch, wo sie noch nicht durchgesetzt sind.
Die Kursteilnehmenden sollen zudem ein eigenes Projekt umsetzen?
Ja, ein ganz konkretes Anliegen parallel zur Weiterbildung: z.B. freien Zugang ermöglichen zur Bäckerei am Wohnort, sich für eine Ringanlage für Schwerhörige im Gemeindehaus engagieren, einen Vortragabend veranstalten zur Sensibilisierung der Bevölkerung, usw. Für solche Projekte ist es ein Vorteil, wenn die Teilnehmenden das politische System der Schweiz kennen. Sie müssen wissen bei wem sie mit ihren Anliegen vorsprechen. Mit Öffentlichkeitsarbeit und sachgerechter Kommunikation kommen sie dabei weiter. Deshalb sind dies auch Themen der Weiterbildung. Zum Schluss agieren Einzelkämpfer weniger schlagkräftig als Gruppen. Mit dem Thema «Sich organisieren und vernetzen» sollen die Teilnehmenden lernen Verbündete zu suchen und gemeinsam vorwärts zu gehen.
Welche Vorteile sehen Sie darin, dass die DozentInnen dieser Weiterbildung selbst Menschen mit Behinderung sind?
Wir können von anderen Emanzipationsbewegungen ableiten: Wer hat die Frauen gelehrt, sich für ihre Gleichstellung einzusetzen? Waren es die Männer? Wer hat die AfroamerikanerInnen gelehrt, sich gegen Diskriminierung zu wehren? Waren es die Weissen? Eine Antwort erübrigt sich! Und so geht es auch uns Menschen mit einer Behinderung: Es gibt viele Menschen, die es «gut» mit uns meinen, die schon «viel» für uns getan haben. Doch damit werden wir erstens selten befähigt, selber Verantwortung für uns zu übernehmen. Zweitens können wir Menschen mit einer Behinderung einander viel besser ermutigen, weil wir selber mit Einschränkungen leben. Im Sinn von: «Wenn die es kann, dann probiere ich es auch!». Ich sehe mich als Dozentin auch in einer Vorbildfunktion.
Simone Leuenberger, besten Dank für das Gespräch und viel Erfolg.
Suche