Weg zur beruflichen Ausbildung als Knacknuss für Jugendliche

2004 wurde die Berufsbildungslandschaft insbesondere mit der Aufhebung der Anlehren verändert. Für Jugendliche mit Beeinträchtigung ist es seither noch schwieriger, ihren beruflichen Weg zu finden. Immerhin: Teilweise schliesst die Praktische Ausbildung INSOS diese Lücke für junge IV-RentnerInnen.

Von Mélanie Sauvain, Secrétaire romande, AGILE

Kein Jugendlicher sollte nach der obligatorischen Schulzeit auf der Strasse stehen. Dennoch sind fast 11 Prozent den Anforderungen einer Grundausbildung mit eidgenössischem Berufsattest nicht gewachsen, welche die bisherigen Anlehren am unteren Ende der beruflichen Qualifikations-Leiter ablöst. Wie viele der jährlich rund 10'000 betroffenen Jugendlichen absolvieren ein 10. Schuljahr, ein Motivationssemester, Kurse für Migranten, eine Vorlehre, eine von der IV finanzierte Ausbildung oder enden in der Sozialhilfe? Und mit welchen Ergebnissen? Darüber sagen die Statistiken nichts aus.

INSOS-Ausbildung für eine kleine Gruppe

Wegen dieses eindeutig mangelhaften Angebots an niederschwelligen Berufsbildungen, das besonders für Jugendliche mit Beeinträchtigung nachteilig ist, hat der Verband für Soziale Institutionen für Menschen mit Behinderung Schweiz (INSOS) 2007 ein Pilotprojekt für eine zweijährige Praktische Ausbildung (PrA) lanciert. Dieses Angebot richtet sich an Jugendliche mit einer IV-Verfügung, die kein eidgenössisch geregeltes Bildungsangebot nutzen können. Seither haben fast Tausend junge Behinderte (327 im Jahr 2009 und etwa 430 im Jahr 2010) ein Dokument mit dem Nachweis der erworbenen Kompetenzen erhalten oder werden ihn noch erhalten. «Eine lächerlich kleine Zahl, wenn man die allgemeine Nachfrage nach niederschwelligen Angeboten betrachtet», bemerkt Jean-Marc Fonjallaz, Bereichsleiter a.i. Berufliche Integration bei INSOS.

Ein weiteres Problem: Die PrA ist nicht Teil des schweizerischen Berufsbildungssystems. Es fehlt der Übergang zwischen diesem Angebot und dem eidgenössischen Berufsattest. Dazu wäre eine Gesetzesänderung erforderlich. «Diese steht heute nicht zur Debatte», sagt Jean-Marc Fonjallaz.

Ermutigende Fortschritte

Es ist aber auch nicht alles blockiert: Anfang April haben die Verantwortlichen für die Berufsbildung ihre Unterstützung für die INSOS-Ausbildung bekräftigt. Der Schweizerische Gewerbeverband (SGV), die IV-Stellen, die Kantone und das Bundesamt für Berufsbildung und Technologie (BBT) haben sich darauf geeinigt, für die verschiedenen Ausbildungsstufen denselben Kompetenznachweis zu verwenden. «Mangels offizieller Anerkennung ist dies eine Form der moralischen Anerkennung», meint Fritz Winkelmann, Vorsteher des Amts für Berufsbildung in Freiburg.

Mit Blick auf diese Entwicklung hat sich INSOS verpflichtet, ihre Ausbildungspläne anzupassen und eine neue Bezeichnung für die in der PrA angebotenen 39 Ausbildungsrichtungen zu suchen. Ziel ist es, sie von den in der Ausbildung mit eidgenössischem Berufsattest angebotenen Berufen zu unterscheiden. Eine langwierige Arbeit, da der Verband mit den betroffenen 39 Berufsorganisationen verhandeln muss.

Minderheit ist in die Arbeitswelt integriert

Eine Zwischenevaluation der PrA hat gezeigt, dass nur eine Minderheit (ein Drittel) der ausgebildeten Jugendlichen anschliessend im regulären Arbeitsmarkt eine Stelle findet. Die übrigen zwei Drittel arbeiten in geschützten Werkstätten. Für Jean-Marc Fonjallaz ist dies nicht das Entscheidende. «Unsere Lernenden fühlen sich nützlich: sie haben eine Ausbildung absolviert. Ihr Selbstvertrauen wächst, sie sind sozial besser integriert und damit verbessert sich allgemein auch das gesellschaftliche Gleichgewicht», freut er sich. Ausserdem sind auch die geschützten Werkstätten daran interessiert, besser ausgebildete Mitarbeitende einsetzen zu können: die Rentabilität wird letztlich gesteigert.

Die INSOS wiederum strebt an, den Anteil der Eintritte in die freie Arbeitswelt zu steigern. Um dies zu erreichen, wäre ein Mittel, dass die Jugendlichen ihre Ausbildung zum Teil in Unternehmen und nicht mehr nur in einer der heute 80 INSOS-Institutionen absolvieren.

Die Stärke der PrA besteht darin, dass sie auf die einzelnen Lernenden zugeschnitten wird. Im Gegensatz zu den früheren IV-Ausbildungen wurde sie mit einem Ausbildungsplan für jede Berufsrichtung standardisiert. Sie wird von der Invalidenversicherung als individuelle Massnahme finanziert. Da es sich aber um eine kostspielige Ausbildung handelt (mehrere Zehntausend Franken) erwartet die IV eine «Investitionsrendite» - damit sie später eine möglichst tiefe Rente zahlen muss - was Jean-Marc Fonjallaz bedauert: «Damit besteht die Gefahr, dass bestimmte Jugendliche mit Behinderung keine Ausbildung absolvieren können, da ihre Chancen, später eine Arbeit zu finden, als zu gering eingeschätzt werden». INSOS setzt sich dafür ein, dass alle Zugang zu einer Ausbildung haben. Dieses Ideal verfolgen im Übrigen auch die Fachleute in der Praxis.

Ein auszubauendes Modell

Ende März haben Waadtländer Berufspsychologen die Alarmglocke geläutet, weil die Zahl der SchülerInnen in Schwierigkeiten seit 2004 offenbar stetig zunimmt. Grund für diese Entwicklung sind die gestiegenen Anforderungen für den Zugang zur Grundausbildung und (vor allem in der Romandie) der Mangel an Stellen für eine zweijährige Ausbildung für jene, welche die nötigen Kompetenzen besitzen würden.

Eine Psychologin, die mit SchülerInnen der 10. Klasse arbeitet, hat bereits Jugendliche gesehen – unter anderem einen mit einer schweren psychiatrischen Pathologie –, die durch die Maschen des sozialen Netzes gefallen sind, ohne dass dies aufgefallen war. «Bei uns ermutigen wir sie dann, Anträge an die IV zu stellen, um eine Ausbildung absolvieren zu können. Dies benötigt jedoch eine gewisse Zeit, und die Kriterien für die Gewährung einer Rente werden strikter», beschreibt sie die Situation. Diese kleine Minderheit (rund 3 Prozent der Jugendlichen) gibt besonders Anlass zur Beunruhigung. Es existiert in der Wirtschaft einfach kein Platz für sie.

«Wir hätten gern ein Ausbildungsmodell wie jenes der INSOS für Jugendliche ohne IV-Verfügung», sagt die Psychologin. «Aber man muss realistisch bleiben. Die Attestlehre wurde nicht aufgehoben, um eine neue Ausbildung zu schaffen». Der Bundesrat ist in dieser Hinsicht ganz klar: Die heute zur Verfügung stehenden Alternativen seien ausreichend. «Die zweijährigen beruflichen Grundbildungen stellen die erste berufliche Einstiegsqualifikation dar, die vom Arbeitsmarkt nachgesucht und anerkannt ist», schreibt der Bundesrat in seiner Antwort auf zwei parlamentarische Vorstösse der SP zu diesem Thema. «Für Jugendliche mit Schwierigkeiten stehen in den Kantonen Brückenangebote bereit, die der beruflichen Grundbildung vorgelagert sind (...) Wenn Jugendliche trotz Brückenangeboten nicht in der Lage sind, einen eidgenössisch geregelten Abschluss zu erreichen, ist eine individuelle Bescheinigung ihrer Fähigkeiten angebracht». Weiter wird die Möglichkeit zur PrA für die jungen IV-RentnerInnen erwähnt. Was mit den anderen geschieht, bleibt ein Geheimnis...

Das INSOS-Angebot wird von der Interkantonalen Hochschule für Heilpädagogik Zürich im Auftrag des BSV evaluiert. Die Ergebnisse werden Anfang Juni erwartet.

Quellen:

Übersetzung: Susanne Alpiger