Wechsel im Secrétariat romand

Cyril Mizrahi hat Ende Dezember seine Aufgaben als Secrétaire romand bei AGILE abgegeben, um in Genf eine Anwaltspraxis zu eröffnen. Mélanie Sauvain, Journalistin mit einem Abschluss in Geisteswissenschaften, ist seine Nachfolgerin. Lesen Sie das «Kreuzverhör» zwischen den beiden.

Cyril Mizrahi (CM): Mélanie, im Alter von 36 Jahren verfügst Du bereits über eine grosse Erfahrung als SDA-Journalistin, aber im Bereich der Selbsthilfe bist Du noch «neu». Was hat Dich dazu gebracht, «die Seite zu wechseln» und für AGILE Mediensprecherin für die Romandie zu werden?

Mélanie Sauvain (MS): Als Journalistin ist man vor allem Zeugin und Berichterstatterin – gerade in einer Agentur sind ja Kommentare nicht erwünscht. Während neun Jahren habe ich viel über die Entwicklung der Gesellschaft und Politik in der Schweiz geschrieben, ohne jemals ausdrücken zu können, dass mir das, was ich sehe, nicht gefällt. Die Seite zu wechseln heisst für mich, dass ich zur Akteurin werde, dass ich mich für etwas einsetze und – so hoffe ich – Einfluss nehmen kann.

Ich komme aus einer Familie, die politisch weit links steht. Deshalb bin ich seit jeher stark sensibilisiert, was Ungerechtigkeiten und Benachteiligungen jeglicher Form angeht. Diese Sensibilität und die Freude, mich für eine Sache zu engagieren, haben sich noch verstärkt, seit ich vor vier Jahren Mutter geworden bin. Ich habe mich nie im sozialen Bereich gesehen, daher kam die politische Arbeit bei AGILE wie gerufen. Was die Entscheidung für die «Sache» betrifft, so lag das Interesse für die Rechte der Menschen mit Behinderung sozusagen auf der Hand. Mehrere Personen in meinem Umfeld leben mit einer Behinderung, und ihr ständiger Kampf, um ihre Rechte einzufordern, macht mich betroffen. Allgemein gesehen entsprechen mir die Ziele von AGILE zu 100%, vor allem jene im Bereich der Integration und Selbstbestimmung. Ich bin ja Jurassierin. Als der Jura seine Unabhängigkeit erlangt hat, war ich noch ein Baby (Abstimmung über die Abspaltung vom Kanton Bern im Juni 1974). Diesen Kampf habe ich aber dank meinem Vater im Blut. Wenn dieser kämpferische Geist und meine beruflichen Fähigkeiten es nun den Menschen mit Behinderung ermöglichen, sich bei Politikern und Medien Gehör zu verschaffen, macht mich das glücklich.

Cyril, du wechselst nun vom Secrétariat romand von AGILE – in Bern – in eine eigene Anwaltspraxis in Genf. Ist dies der grosse Sprung oder eine logische Folge?

CM: Beides! (lacht) Sowohl in meinem Berufsleben als auch in der Politik und in meinen Engagements in Vereinen zieht sich als eine Art roter Faden stets der Einsatz für die soziale Gerechtigkeit und die Bekämpfung jeglicher Form von Diskriminierung. Da ich von Geburt an sehbehindert bin, stehen die Rechte der Menschen mit Behinderung logischerweise an vorderster Stelle.

Ich habe in Lausanne und in Bern gearbeitet, dabei aber nie den Kontakt zu Genf verloren: Dort habe ich studiert, mein Praktikum und mein Anwaltspatent gemacht. Seit 2008 hatte ich verschiedene Mandate als Assessor in Genf und ausserdem das Glück, in den Verfassungsrat gewählt zu werden, wo ich vor allem im Bereich der Grundrechte tätig bin.

Nachdem ich mich bei AGILE über drei Jahre lang für Gesamtinteressen und auf nationaler Ebene engagiert habe, möchte ich meine erworbenen Kompetenzen nun in die individuelle Interessenvertretung in meiner Region einsetzen, also im direkten Kontakt mit jenen, die sich engagieren, um ihre Rechte geltend zu machen. Nachdem ich eine Kanzlei-Partnerin gefunden habe, in die ich mein volles Vertrauen setze, mache ich mich nun selbstständig – dies ist für mich die ideale Art und Weise, um den Anwaltsberuf auszuüben.

Gleichzeitig habe ich Mitte Januar den Vorsitz der Dachorganisation der Genfer Verbände der Menschen mit Behinderung und ihrer Angehörigen (Fédération genevoise des associations de personnes handicapées et de leurs proches - FéGAPH) übernommen. Auf kantonaler Ebene gibt es viel zu tun mit Blick auf die Rechte der Menschen mit Behinderung. Und das politische Klima ist dafür auf Kantonsebene günstiger. Ausserdem bleibe ich Co-Präsident des Gleichstellungsrats Egalité Handicap.

MS: Hast du das Gefühl, dass sich in den drei Jahren etwas verändert hat bei den Menschen mit Behinderung? Innerhalb von AGILE? Aber auch in der Art und Weise, wie Menschen mit Behinderung betrachtet werden?

CM: Ich habe den Eindruck, oder jedenfalls die Hoffnung, dass die Welt der Behinderten geeinter ist. Als ich zu AGILE kam, war ich von Anfang an mit grossen Meinungsverschiedenheiten konfrontiert im Zusammenhang mit dem Referendum gegen die 5. IV-Revision. Diese wurden von den Medien natürlich noch geschürt. Bei der IV-Zusatzfinanzierung herrschte dagegen grosse Einigkeit – zum Glück. In dieser Umgebung wird AGILE mehr wahrgenommen und gehört, auch in der Romandie, und ihre Positionen werden als kohärent und glaubwürdig betrachtet.

Die Wahrnehmung von Behinderung ist oft widersprüchlich: Die öffentliche Meinung ist in der Regel eher (noch) positiv eingestellt gegenüber Menschen mit Behinderung. Aber die IV-Bezüger werden immer mehr als «schwarze Schafe» und Simulanten stigmatisiert. Weiter habe ich den Eindruck, dass das Thema Gleichstellung in der Deutschschweiz besser aufgenommen wird, währenddem sich die Romands vor allem für die soziale Sicherheit stark machen. Für die Sicherung eines selbstbestimmten Lebens in Würde von Menschen mit Behinderung ist aber klar beides wichtig.

Und wie war dein erster Eindruck vom Dach der Behinderten-Selbsthilfe? Wie wird die Behinderung deiner Meinung nach «von aussen» wahrgenommen?

MS: Was mir bei AGILE gefällt, ist wirklich diese Idee der Berücksichtigung «aller Arten von Behinderung». Ich bin überzeugt, dass jeder von der Erfahrung des anderen viel lernen kann, obwohl die Bedürfnisse und Einschränkungen für alle unterschiedlich sind. Ich bedaure, dass wir nicht alle Selbsthilfeorganisationen oder Angehörigen-Organisationen von Menschen mit Behinderung vertreten, und dass wir nicht dieselbe Mobilisierung zustande bringen wie eine Gewerkschaft (lacht). Ich habe mich oft gefragt, weshalb dies so ist, wenn doch in der Schweiz fast eine Million Menschen mit einer Behinderung lebt (ohne ihre Angehörigen zu zählen). Ich habe auf dem Bundesplatz in Bern noch nie 10‘000 Behinderte gesehen, die ihr Recht auf Selbstbestimmung einfordern oder gegen für sie nachteilige Gesetzesrevisionen demonstrieren. Ich habe noch keine Antwort darauf gefunden, aber ich hege die Hoffnung, dass ich eines Tages eine solche Demonstration erlebe.

Eine solche Mobilisierung würde nicht nur auf die Entscheidungsträger einen grossen Druck ausüben, sondern den Leuten auch zeigen, dass Behinderung viele Gesichter hat. Wie du bedaure ich die Verknüpfung der IV-Rente mit dem Missbrauchs-Thema sehr. Ich bedaure auch, dass eine Behinderung offenbar sichtbar sein muss, um glaubwürdig zu sein. Und schliesslich bedaure ich den Paternalismus, mit dem die Gesellschaft ihre auf den ersten Blick schwächsten Mitglieder betrachtet. Als Mediensprecherin von AGILE werde ich die Medien daran erinnern, dass nicht alle Menschen mit Behinderung IV-Leistungen beziehen und einige hochqualifiziert sind und sehr gut für den eigenen Lebensunterhalt aufkommen. Auch dies ist eine Seite von Behinderung.

Cyril, welches sind deiner Ansicht nach die grössten Herausforderungen für AGILE in den kommenden drei Jahren?

CM: Ich hoffe mehr denn je, dass AGILE in der Selbsthilfe DIE verbindende Kraft bleibt. Die verschiedenen Gruppen verbinden, vertreten und verteidigen, das ist die Besonderheit von AGILE, ihre «Raison d’être». Persönlich hoffe ich, dass AGILE ihre Basis mit dem Beitritt neuer Gruppen von Menschen mit Behinderung erweitert. Gleichzeitig darf ein solches Wachsen aber nicht bewirken, dass AGILE nicht mehr kämpferisch ist, obwohl dies nicht immer einfach ist.

Das Kräftemessen mit den Extremisten, die das politische Klima durch Diffamierung der Menschen mit Behinderung vergiften, wird sich nicht dadurch ändern, dass man zurücksteckt. Eine ganzheitliche Politik im Behindertenbereich, die allein in der Lage ist, den Bedürfnissen aller Menschen mit Behinderung gerecht zu werden, bedarf einer institutionellen Unterstützung und einer bestimmten Mobilisierungsfähigkeit.

Und welche Ziele hast du dir für dein erstes Jahr bei AGILE gesetzt?

MS: Bei meinem Bewerbungsgespräch habe ich zugegeben, dass ich nicht mehr wie noch mit 20 davon träume, die Welt zu verändern. Nicht dass mir das Ziel nicht mehr gefallen würde, aber inzwischen sehe ich etwas klarer. Persönlich hoffe ich, dass ich meinen Beitrag bei AGILE leisten kann, indem ich ihre Arbeit in den Medien und auf politischer Ebene sichtbarer mache.

Für 2010 hoffe ich aber vor allem, dass wir alle es schaffen werden, dass die 6. IV-Revision nicht zu einem einfachen Sparprogramm auf dem Rücken der Menschen mit Behinderung wird.

Letzte Frage Cyril: Was wird dir am meisten fehlen? Und was wirst du am wenigsten vermissen?

CM: Was mir fehlen wird? Vielleicht Deutsch zu sprechen, und das Generalabonnement (lacht). Aber nicht das häufige Pendeln zwischen Genf und Bern. Das Genfer Tram bringt mich jetzt in einer Viertelstunde direkt zu meinem neuen Büro, und immer öfter gehe ich auch einfach zu Fuss, das ist sehr angenehm. AGILE wird mir wohl ganz grundsätzlich nicht besonders fehlen, da ich immer noch oft Gelegenheit habe, mit AGILE in Kontakt zu sein und Informationen auszutauschen. Also, bis bald!

Übersetzung: Susanne Alpiger