Verhältnisse in der Schweiz gemeinsam verändern

Der neue Präsident von AGILE Behinderten-Selbsthilfe Schweiz heisst Stephan Hüsler. Der 51jährige Luzerner folgt auf Angie Hagmann.

Interview von Eva Aeschimann, Bereichsleiterin Öffentlichkeitsarbeit

«agile»: Stephan Hüsler, herzliche Gratulation: Sie sind der neue Präsident von AGILE Behinderten-Selbsthilfe. Weshalb haben Sie für dieses Amt kandidiert?

Stephan Hüsler (SH): Vielen Dank für die Glückwünsche. AGILE vertritt als Dachorganisation von über 40 Selbsthilfeorganisationen die Anliegen der Menschen mit Behinderungen in der Schweiz. Dieses Ziel deckt sich mit meinen persönlichen und politischen Interessen. Ich erhielt 2001, eine Woche vor meinem 40. Geburtstag, die Diagnose Retinitis pigmentosa (eine genetisch bedingte Sehbehinderung, die zur Erblindung führt). Kurz darauf begann der Abstimmungskampf zur Gleichstellungsinitiative. Die Mitarbeit im Co-Präsidium für den Kanton Luzern war mein erstes politisches Engagement. Seither bin ich Mitglied des Behindertenforums Zentralschweiz, einer Gruppierung, die sich behinderungsübergreifend für Verbesserungen zu Gunsten der Betroffenen in den Innerschweizer Kantonen einsetzt. Das Präsidium von AGILE entspricht also einer kontinuierlichen Weiterentwicklung meines Engagements.

«agile»: Sie engagieren sich seit längerem in der Behinderten-Selbsthilfe, nun beim Dachverband. Trotzdem dürften viele Sie noch nicht kennen. Was müssten diese über Sie als Mensch wissen?

SH: Als eidg. dipl. Bankfachmann war ich 23 Jahre lang für die UBS AG in Kriens tätig. 2006 beantragte ich bei der IV eine Umschulung und studiere nun seit 2008 an der Fachhochschule Nordwestschweiz Soziale Arbeit. In gut einem Jahr werde ich das Studium abschliessen. Ich bin glücklich verheiratet und Vater von vier erwachsenen Kindern. Dazu kommt mein Führhund, der mich überall hin begleitet.

Ehrenamtliche Arbeit ist mir von Kindesbeinen an vertraut. Ich engagierte mich in Jugendorganisationen, der Kirche, in einer Wohnbaugenossenschaft und seit sieben Jahren als Vorstandsmitglied bei Retina Suisse, der Selbsthilfeorganisation für Menschen mit Netzhautdegenerationen. Dort übernahm ich 2010 das Präsidium.

«agile»: Für AGILE ist wichtig, dass verschiedene Behinderungsgruppen zusammenstehen, solidarisch sind – auch untereinander. Was bedeutet Ihnen dieses Ziel?

SH: Dieses Ziel ist mir ein persönliches Anliegen. Menschen mit Behinderungen sind – trotz Bundesverfassung und Gleichstellungsartikel – in verschiedener Hinsicht benachteiligt. Davon ist keine einzige Behinderungsart ausgenommen. Wenn wir die Verhältnisse in der Schweiz verändern wollen, kann dies nur gemeinsam geschehen, denn Einzelpersonen haben zuwenig Einfluss. Sehr unterschiedliche Organisationen vertrauen darauf, dass sich AGILE auf nationaler Ebene für die Rechte ihrer Mitglieder einsetzt. Dadurch sind diese Forderungen auch breit legitimiert.

Im Behindertenforum Zentralschweiz sind Menschen mit verschiedenen Behinderungen zusammengeschlossen. Ich erlebe hier als Teamleiter die Herausforderungen hautnah, die sich bei der Bewältigung des Alltags stellen. Auch in meinem Freundes- und Bekanntenkreis werde ich mit den unterschiedlichen Problemen und Bedürfnissen behinderter Menschen konfrontiert.

«agile»: Weshalb braucht es die organisierte Selbsthilfe?

SH: Im Rahmen meines Studiums der Sozialen Arbeit durfte ich im vergangenen Jahr am Aufbau einer Selbsthilfeorganisation im Kanton Zug mitwirken. Mein Fazit aus dieser Arbeit lautet: Als einzelne Person habe ich eine Idee, was ich verändern möchte. Ich verfüge aber möglicherweise nicht über das Wissen, wie das geschehen könnte. Mir fehlen die richtigen Kontakte oder die Kenntnisse, wie ein Brief geschrieben, eine Petition oder gar ein Initiativtext verfasst wird. In einer Gruppe kann ich mich mit anderen Betroffenen austauschen, kann meine Ideen reflektieren, konkrete Forderungen formulieren, gemeinsam aktiv werden und voneinander profitieren.

Dank 60 Jahren Erfahrung und einem grossen Netzwerk verfügt AGILE über einen Pool an Expertenwissen in den verschiedensten Bereichen. Entsprechend wirkungsvoll kann AGILE tätig werden. Das könnten einzelne Personen oder kleinere Organisationen nie leisten. Aber auch für grosse Organisationen kann AGILE die eine oder andere Bresche schlagen, weil AGILE breiter abgestützt ist.

«agile»: Welche Ziele setzen Sie für sich persönlich als Präsident und für AGILE als Dachverband?

SH: Für mich persönlich bedeutet das Präsidium von AGILE sehr viel. Ich empfinde es als eine Ehre, dass ich gewählt wurde. Es liegt nun an mir, dieses Vertrauen zu rechtfertigen.

Ich möchte mich als Präsident für den Vorstand und die Mitarbeitenden einsetzen. Sie sollen gute Arbeitsbedingungen und Befriedigung in ihrer Tätigkeit finden. Ich bin überzeugt, dass dies bereits heute der Fall ist. Dies soll sich in Zukunft nicht ändern. Vor Kurzem ist Cathérine Corbaz aus der Organisation ausgeschieden. Barbara Marti wird in absehbarer Zeit in den wohlverdienten Ruhestand treten. Dadurch stellen sich einige Fragen bezüglich Neuorganisation und Nachfolge. Ich strebe mit guten Lösungen eine nachhaltige Weiterentwicklung an.

Auch das Behindertenwesen verändert sich ständig. Ich möchte für und mit AGILE in diesen Bereichen Ergebnisse erreichen, die dem Wohl der Betroffenen dienen und ihnen Perspektiven bieten. Insbesondere steht die zweite Tranche der 6. IVG-Revision an. Hier hoffe ich sehr auf die tatkräftige Unterstützung durch die Mitgliedorganisationen.

Sie sehen also, der Ziele sind viele. Ich freue mich sehr auf die neuen Herausforderungen.

«agile»: Was wünschen Sie sich und AGILE für die Zukunft?

SH: Das Ziel der Sozialen Arbeit ist, dass sie nicht mehr gebraucht wird. In näherer Zukunft wird es Wunschdenken bleiben, dass die Arbeit von AGILE überflüssig wird. Aber wir können ja daran arbeiten und Schritt für Schritt diesem Ziel entgegengehen. Auf diesem Weg bitte ich unsere Mitgliedorganisationen um ihre volle Unterstützung.

«agile»: Stephan Hüsler, viel Glück für Ihr neues Engagement und herzlichen Dank für dieses Interview.