Gleichstellung im Alltag «Hautnah erlebt»: Wie man «verfahren» werden kann...

Mit der neuen Rubrik «Hautnah erlebt» zur Gleichstellung im Alltag, zeigt AGILE exemplarisch, wie und wo Gleichstellung geglückt ist oder verpasst wurde. Verschiedene AutorInnen sollen zu Wort kommen. Haben Sie etwas erlebt, das Sie gerne mit einer interessierten Leserschaft teilen möchten? Wenden Sie sich an Redaktorin Eva Aeschimann (eva.aeschimann@agile.ch)!

Von Simone Leuenberger, wissenschaftliche Assistentin von AGILE

Dank Google Streetview auf direktem Weg ins Kongresshaus

Ich war schon ein paar Mal mit dem Auto in dieser Stadt. Jedes Mal habe ich mich verfahren. Diesmal soll mir das nicht passieren. Ich bin unterwegs zu einer obligatorischen Informations- und Weiterbildungsveranstaltung. Vorsorglich habe ich den Weg am Vortag zuhause via Google Streetview abgefahren. Heute sollte nichts schief gehen...

Früher habe ich mich vor solchen Veranstaltungen jeweils nach der Rollstuhlgängigkeit erkundigt. Mittlerweile lasse ich das häufig bleiben. Schliesslich ist das Behindertengleichstellungsgesetz schon sechs Jahre in Kraft. Und es hat sich einiges gebessert. Falls Räume trotzdem nicht rollstuhlgängig sind, ist es für die Verantwortlichen peinlicher – und nachhaltiger – mir direkt ins Gesicht sagen zu müssen «Hier kommen Sie nicht rein!» als nur am Telefon oder per E-Mail. Das nehme ich jedenfalls an...

Zurück zur Veranstaltung: Von früher weiss ich, und Google Streetview hat es mir bestätigt, dass es links vom Gebäude Rollstuhlparkplätze hat. Schnurstracks fahre ich dorthin, parkiere, steige aus und mache mich auf Richtung Kongresshaus. Treppen soweit das Auge reicht. Doch ich gebe nicht auf! Genau auf der gegenüberliegenden Seite des Gebäudes und damit der Rollstuhlparkplätze finde ich eine Rampe. Erste Hürde geschafft!

Erste Überraschung

Drinnen erwartet mich viel Volk. Trotzdem finde ich Namensschild und Tagungsunterlagen. In einer Ecke halte ich Ausschau nach einem Lift (Google Streetview nützt mir hier nichts...). Nach einigen Anläufen finde ich jemanden, der weiss, dass es einen Lift gibt und wo er ist! Hinter Absperrband und Glastüre kommt tatsächlich ein Lift zum Vorschein, der mich in den Kongresssaal bringt. Zweite Hürde geschafft!

Ich studiere die Unterlagen. Vor allem der Nachmittag interessiert mich. Auf dem Programm stand: «Fachschaftsworkshops im Kongresshaus und umliegenden Räumen». Ich will wissen, ob ich im Kongresshaus bleiben kann, oder ob ich in einen «umliegenden Raum» ausgelagert werde. Rasch zeigt sich: «Meine» Fachschaft Wirtschaft und Recht wird nach dem Mittagessen mit dem Shuttlebus ins Gymnase Français verlegt. Es gilt also, noch eine dritte Hürde zu schaffen!

Ich werde organisiert

Während dem Stehlunch – ich ergattere mir einen Platz an einem Tisch – fragt mich eine Lehrerkollegin, ob sie mir helfen könne. Ich erkläre, dass ich mit dem Shuttlebus fahren müsse und keine Ahnung habe, ob dieser rollstuhlgängig sei. Sie erkundigt sich und meldet mir: Die Shuttlebusse sind nicht rollstuhlgängig, der Chauffeur kümmere sich aber darum. «Sehr zuvorkommend!» denke ich.

Kurz darauf kommt eine Frau zu mir und sagt, sie hätten einen Behindertentransportdienst organisiert. Ich solle warten. Man hole mich ab. Die Frau verschwindet, ich kann ihr nicht mal sagen, dass ich in unmittelbarer Nähe bereits auf einen «Behindertentransportdienst» (mein Auto) zählen könnte und nur nicht wüsste, wo das Gymnase Français sei. Hätte ich schon bei meiner Vorbereitung das Nachmittagsprogramm gekannt, hätte ich mir den Weg mit Google Streetview einprägen können.

Unterwegs zum Gymnase Français

Die Frau kommt zurück und führt mich zum Taxi. Unterwegs lasse ich mir bestätigen, dass meine Chauffeuse weiss, wohin ich gebracht werden muss. Gutgläubig steige ich ein. Die KollegInnen im Shuttlebus machen es schliesslich genauso. Und das Taxi ist ja jetzt «mein Shuttlebus». Wir fahren los. Das GPS weist den Weg. Vor einem Sportplatz ist das GPS am Ende der guten Ratschläge, meine Chauffeuse entsprechend ratlos. Das müsse hier irgendwo sein, meint sie. Nach einigem hin und her finden wir den Eingang. Er ist nicht angeschrieben. Ich schicke die Chauffeuse hinein, um zu fragen, ob wir hier richtig seien. Mit guter Nachricht kommt sie zurück, lädt mich aus und fährt davon, noch ehe ich mir Taxiname oder Telefonnummer hätte merken können. Ich konnte ihr gerade noch das Versprechen abnehmen, mich zu abgemachter Zeit wieder abzuholen.

Am Hang statt am See, aber eigentlich «am Haag»...

Ziemlich überrascht bin ich, als ich in der Eingangshalle des vermeintlichen Gymnase Français anstatt Wirtschaftslehrkräfte lauter Englischlehrer sehe. «Ich bin falsch», blitzt es mir durch den Kopf. Fluchtartig verlasse ich das Gebäude in der Hoffnung, mein Taxi noch zu erreichen. Ich sehe es nur noch davon schwänzeln.

Ich erfahre, dass ich beim Gymnasium Alpenstrasse bin. Ortskundige Englischlehrer klären mich auf; das Gymnase Français sei unten am See – ich aber oben am Hang. Einige Lehrer helfen mir in einem Gemisch aus Englisch, Französisch und Deutsch, mit i-Phone und Telefonbuch «mein» Taxi wieder zu finden. Ein schwieriges Unterfangen: Herkömmliche Taxiunternehmen kennen die Behindertentaxis schlecht bis gar nicht. Behindertentaxis haben ihre Telefonzentrale häufig nicht besetzt.

«Wer ein Taxi bestellt, kennt die genaue Adresse seines Zielortes!»

Zu guter Letzt finden wir «mein» Behindertentaxi doch noch. Der Chef ist höchstpersönlich am Apparat und sauer. Dies, weil ich nicht wusste, wohin ich musste. Schliesslich ist er doch bereit, mich wieder abzuholen. Ich lasse mir die Adresse des Gymnase Français herausschreiben. Der Taxichef hat mir am Telefon eingeschärft, dass Taxikunden die genaue Adresse ihrer Zieldestination wissen müssten.

Ich steige wieder ins Taxi. Festgebunden wird mein Rollstuhl nicht. Auf mein «Binden Sie Rollstühle nie fest?» ernte ich nur ein müdes Lächeln. Ich begehre nicht auf, bin ich doch froh, endlich ans Ziel gebracht zu werden. Unterwegs bekomme ich zu hören, dass der ganze Schlamassel mein Fehler sei. Wer ein Taxi bestelle, müsse sein Ziel kennen. Meine Erklärung, dass ich mit dem Bestellen rein gar nichts zu tun gehabt habe und abgeklärt hätte, dass meine Chauffeuse den Weg kenne, fruchteten nichts. Zum Schluss soll ich die Fahrt auch noch bezahlen. Das geht mir nun eindeutig zu weit. Bezahlen soll, wer bestellt, ist meine Devise. Meine LehrerkollegInnen müssen den Shuttlebus schliesslich auch nicht bezahlen, oder? Der Chauffeur meint, er hole mich ja auch wieder ab, ich könne auch dann noch bezahlen.

«Zuerst muss ich aber noch meine Post wegbringen!»

So, nun stehe ich vor dem ... Deutschen Gymnasium! Das darf doch nicht wahr sein! Ich schaue mich um, und entdecke den Namen «Gymnase Français» auf der Orientierungstafel doch noch. Nun muss ich nur noch das Foyer finden, wo meine LehrerkollegInnen sind. Doch aus dem Plan auf der Tafel werde ich nicht wirklich schlau.

Bei einem Eingang sehe ich einen Mann. Er ist mein Opfer! Etwas widerwillig – «Zuerst muss ich aber noch meine Post wegbringen!» – nimmt er mich mit. Ich bin froh, wenigstens nicht draussen warten zu müssen. Es ist Januar und dementsprechend kalt. Der Mann begleitet mich in einen Lift, fährt mit mir in den Keller und sagt: «Fahren Sie den langen Gang entlang bis ganz hinten. Dort treffen wir uns wieder.» Dann verschwindet er. Weit und breit kein Mensch. Klar, die SchülerInnen haben frei. Ihre Lehrkräfte sind ja an dieser Tagung, wie ich auch!

Am Gang-Ende angekommen warte ich. Was bleibt mir anders übrig? Der Mann kommt wieder und bringt mich mit dem Lift ins Parterre. Er will sich schon verabschieden, als ich merke, dass er den Lift mit einem Schlüssel bediente. Wie komme ich also wieder raus? Er sei dann halt nicht mehr da... Ich interveniere und erhalte die Telefonnummer des Hauswarts. Der solle mich halt dann holen.

Integration ist Knochenarbeit

So, nun bin ich am richtigen Ort, bekomme aber vom Workshop so gut wie gar nichts mit. Ich bin zu aufgebracht. In meinem Bauch hat sich Wut angestaut, und ich bin traurig: Warum brauche ich immer eine Extrawurst? Warum werden Veranstaltungen nicht einfach barrierefrei organisiert? Warum musste gerade ich an den entferntesten Ort gehen (ich war weit und breit die einzige Rollstuhlfahrerin; das konnte aber wohl niemand wissen)? Warum wird alles so kompliziert, sobald andere zu wissen glauben, was gut für uns ist? Hätte mich die Frau aus dem Kongresshaus erst gefragt, hätte ich ihr sagen können, dass mein Auto nur um die Ecke steht und ich nur einen Ortsplan oder einen ortskundigen Mitfahrer bräuchte. Gut gemeint ist halt noch nicht gut gemacht...

Für den Rückweg ins Kongresszentrum nehme ich einen Lehrerkollegen als «Bodyguard» mit. Ich will nicht noch einmal «verfahren» werden, oder wenn schon, dann nicht alleine. Ganz erstaunt hört er meine Geschichte. Er empört sich darüber, dass es in der Schweiz noch erlaubt ist, mit nicht rollstuhlgängigen Bussen herum zu fahren. Eine Person mehr, die für unsere Anliegen sensibilisiert wurde. Hat sich der Tag also trotz allem gelohnt? Wenigstens eines weiss ich: Integration ist Knochenarbeit! Und diese müssen vorwiegend wir Menschen mit Behinderung leisten!