1960 wurde die Invalidenversicherung ins Leben gerufen. Demnach feiern wir heute ihr fünfzigjähriges Bestehen. Einblicke, Ausblicke und fünfzig Fragen.
Essay von Maria Gessler, Vorstandsmitglied AGILE
50 Jahre IV. Als Mensch hätte sie noch bis vor Kurzem als «in den besten Jahren stehend» gegolten. In der Arbeitswelt heisst 50jährig heute: alt. Als Organisation dagegen ist die IV noch ziemlich jung mit allem, was zum Jungsein gehört.
Sie kam auf einem feuerwehrroten Dreirad zur Schule. Im Behälter mit hübsch bemaltem Deckel zwischen den Hinterrädern führte sie ihre Schulsachen mit. Ein für ihr Alter eher klein gewachsenes Mädchen mit grossen braunen Kulleraugen und ungebärdigen Locken. Energisch unterstützte sie ihr linkes Bein beim Treten des Pedals. Ein «verkrüppeltes» Bein, wie man das in den Fünfziger Jahren noch ganz ungeniert nannte. Es hiess, ihre Eltern seien reich, was immer das damals bedeuten mochte. Deshalb wohl das aussergewöhnliche Dreirad. Und diese Eltern versteckten nicht schamvoll ihr Kind. Andernfalls wäre sie wohl gar nicht zur Schule gegangen oder hätte in einer «Anstalt» gewohnt. «Bewahranstalt», ein unheilverkündendes Wort für uns Kinder. – Sie muss jetzt im AHV-Alter sein. Wie ist wohl ihr Leben verlaufen?
Und das sahen wir Kinder im Alltag: Stark hervorstehende Zähne, rachitisch verformte Gliedmassen, ein «Klumpfuss» in einem Schuh, der eher wie ein Folterwerkzeug aussah. Kaum Frauen mit sichtbaren Behinderungen auf der Strasse. Vielleicht eine Blinde mit einem Pudel, unverkennbar mit Führgeschirr. Behinderte Männer trugen links eine Armbinde mit den entsprechenden Zeichen für «blind», «taub», «taubstumm». Querschnittgelähmte überlebten damals häufig nicht sehr lange, erst als Mitte der Fünfziger neue Therapiemethoden aus Amerika herüber kamen, gab es eine Zukunft für Betroffene.
In nicht einmal einem halben Tag wird heute bei Strassenarbeiten das Trottoirgefälle sorgsam ausgeglichen – für die Autos. Weshalb wird nach all diesen Jahrzehnten noch immer diskutiert, verhindert oder oft nur notdürftig gehandelt, wenn es um dienliche Abgänge für Rollstühle geht? Einkaufswagen, Rollkoffer oder -werkzeugkiste, Kinderwagen, Rollator für Betagte – viele Menschen würden zusätzlich davon profitieren.
Für uns Kinder war «Behinderung» zwar kein besonderes Thema, aber als Tatsache gegenwärtig. Der Knecht mit einfachem Geist auf dem Bauernhof, dem für ihn tragbare Pflichten übertragen wurden. Die Angst schwangerer Frauen vor Röteln. Die Schulkameradin, welche an Kinderlähmung erkrankte. Der Nachbarsbub, bei dem schwerer Diabetes diagnostiziert wurde. Die «Ölsoldaten», denen im Aktivdienst durch nicht genussfähiges Öl schwere körperliche Schäden zugefügt wurden. Und weltweit immer wieder Kriege.
Als die Regenten früherer Jahrhunderte ihre Streitereien mit stehenden Heeren auszutragen begannen, mussten sie auch für ihre nicht mehr kampffähigen Soldaten sorgen. In einem Brief beschwert sich Friedrich II. darüber, dass seinen versehrten Soldaten die ihnen zusätzlich zu einer bescheidenen Rente aus seiner Privatschatulle zugeschanzten Stellen als Wächter, Lehrer oder Schreiber von Zivilisten einfach weggenommen würden. Der versehrte Soldat war zwar nicht mehr kriegstauglich, doch tatsächlich «invalidiert» wurden sein Dienstbüchlein samt Treuschwur, und damit auch die Pflicht oder das Recht, «im Namen des Königs» zu töten.
Von diesem militärischen Hintergrund aus und aus dem Französischen fand übrigens der Begriff «Invalide», zuerst nur für kriegsversehrte Soldaten verwendet, allgemein Eingang in den Sprachgebrauch. Heutzutage also noch immer von «Invaliden» zu sprechen, ist im allerbesten Fall als altväterisch zu bezeichnen. Doch Sprache ist immer mehrdeutig, so auch in diesem Fall, und das nutzen Populisten weidlich und missbräuchlich aus. Die Diskussionen um weitere Bedeutungen wie «gebrechlich, schwach, wertlos», dieses Mal direkt aus dem Lateinischen abgeleitet, wollen kein Ende nehmen. Vor allem das «wertlos» wiegt schwer in unserer Zeit, in der von allem der Preis interessiert, jedoch nicht der Wert. Wieso sollen sich Politiker für offiziell als «wertlos» bezeichnete und damit auch als so wahrgenommene Mitbürgerinnen und Mitbürger einsetzen? Wieso sollen von Arbeitnehmenden Abgaben geleistet werden für eine «Wertlosenversicherung»? Wieso tun sie es trotzdem, ohne je vom Gedanken gestreift zu werden, selber einmal Leistungen der IV beziehen zu müssen?
Spitzfindig, zugegeben, doch gewisse Formulierungen gewisser Leute lassen aktuell keinen Deutungsspielraum offen: Wer invalid wird, ist irgendwie selber schuld, womöglich arbeitsscheu und ganz allgemein mit Misstrauen zu betrachten. Dies entspricht noch der Haltung des eher frömmlerischen 19. Jahrhunderts, das Krankheit und Gebrechen einerseits als Folge von Glaubensschwäche und Gottesstrafe auffasste, und andererseits eigene Tugend und Gottesfürchtigkeit mit Wohltätigkeit zur Schau stellte. Wie lange soll diese Haltung noch unsere Gegenwart bestimmen?
Bis vor fünfzig Jahren waren behinderte Menschen auf die Solidarität ihrer Familien und entsprechende kirchliche und wohltätige Institutionen angewiesen. Als nach viel Hin und Her und mehreren Anläufen die IV gegründet wurde, schienen fast alle Probleme gelöst. Mehrere Nachbesserungen in den folgenden Jahren erledigten auch noch den Rest, und man konnte sich erleichtert zurücklehnen. Bis vor einiger Zeit jedenfalls. Massive wirtschaftliche und gesellschaftliche Veränderungen führen wieder zu Hin und Her und vor allem zu einem beträchtlichen Abbau. Benötigen heute behinderte Menschen tatsächlich weniger Hilfsmittel, weniger Lebensunterhalt, weniger Therapie als früher? Ist es richtig und rechtschaffen, zum Beispiel den Futterbeitrag für die Blindenhunde abzuschaffen, während riesige Geldströme schamlos zu sonst schon beträchtlichen Monetenhaufen geleitet werden?
Mit dem Motto «Eingliederung vor Rente» wurde damals die IV gestartet. Das funktionierte ganz ordentlich bei wirtschaftlicher Schönwetterlage. So gut sogar, dass über recht lange Zeit bei wirtschaftlich bewölkten Verhältnissen Personalabbau via IV betrieben wurde. Zu alt. Zu oft krank. Mangel an «turbulenztauglicher Agilität». «Langzeitdefizitzustand». Ist das nicht als Missbrauch anzusehen? Und nun verlangen Vertreter der gleichen Wirtschaft, dass diese ausgegrenzten Menschen wieder zu arbeiten hätten, aber dalli. Und woher sollen diese geeigneten Arbeitsstellen denn kommen? Tatsache ist, dass weltweit zwei Drittel aller geleisteten Arbeit nicht entlöhnt wird, dass aber ohne diese das übrige Drittel gar nicht funktionieren könnte. Wie steht es also mit dem Realitätsbewusstsein von Leuten, die Erfolg bloss am erzielten Einkommen messen? Als wie erfolgreich wird ein behinderter Mensch wahrgenommen, der gelernt hat, mit seinen Einschränkungen zu leben? Warum lachen so viele Menschen mit Behinderung und so viele ohne nicht? Muss ein Mensch, der unfreiwillig ausgegliedert wurde, sich freiwillig um jeden Preis wieder eingliedern lassen? Wer hat dafür zu sorgen, dass beweisbar krankmachende Faktoren aus der Arbeitswelt ausgegliedert werden müssen? Sind Krankheit und Behinderung per se wirtschaftsfeindliche Befindlichkeiten?
Fragen über Fragen. Grundsätzliche Fragen. Warum werden sie nicht zuerst beantwortet, bevor eine weitere IV-Revision aufs Tapet kommt? Und à propos: Als wie gescheit sind Leute einzustufen, die eine nächste aus der Schublade zaubern, bevor die Umsetzung der letzten überhaupt in Gang gekommen ist?
Eine Länder vergleichende Studie hat kürzlich gezeigt: Wir Schweizer sind ständig in Eile. Unterwegs wohin? Haben wir eigentlich ein Ziel? Wenn nicht, weshalb die Eile? Wohin soll es insbesondere gehen mit der IV? Wie steht es in zwanzig Jahren um sie? Robert Lembke meinte zwar: «Prognosen sind schwierig, vor allem, wenn sie die Zukunft betreffen», doch wenn die Gegenwart noch schwieriger erscheint, mögen Ausblicke nach vorn ihre Berechtigung haben.
Schlimmstenfalls gibt es in zwanzig Jahren keine IV mehr. Almosen, betteln, verjagen. Subkultur, Elend, geringe Überlebenschancen. – Bestenfalls gibt es in zwanzig Jahren die IV nicht mehr. Krankheit und Behinderung werden als etwas angesehen, das alle betrifft und Teil des Lebens ist. Die ehemalige IV koordiniert als Expertin die gemeinschaftlichen Aktivitäten zum Wohl Betroffener. Diese gelten als Expertinnen und Experten in eigener Sache. – Beide Szenarien sind gleichermassen unrealistisch. Vermutlich gibt es in zwanzig Jahren, wie immer in der Schweiz, eine mittlere Lösung. Die IV wird dann siebzig sein und ist vielleicht ein wenig weise geworden.
Und die letzte Frage, welche angesichts ihres Gewichtes die Fünfzig voll macht. In der Bundesverfassung steht: «Die Stärke des Volkes misst sich am Wohl der Schwächsten.» Gilt das eigentlich noch?
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