Integration und Wiedereingliederung in den Arbeitsmarkt sind Schlagworte, die vermehrt auftauchen. Ebenso der Begriff «Sozialfirma». Lässt dieses Unternehmensmodell die genannten Schlagworte in der Deutschschweiz Wirklichkeit werden?
Von Bernadette Wüthrich, lic. phil. I, Co-Geschäftsleiterin Arbeitsgemeinschaft Schweizer Sozialfirmen (ASSOF) und wissenschaftliche Mitarbeiterin Fachhochschule Nordwestschweiz, Hochschule für Soziale Arbeit
Wir befinden uns im Europäischen Jahr zu Bekämpfung von Armut und sozialer Ausgrenzung. Passend dazu hat der Bund Ende März seine «Gesamtschweizerische Strategie zur Armutsbekämpfung» vorgelegt. Ein Schwerpunkt liegt bei der Eingliederung in den Arbeitsmarkt, womit eine Stossrichtung weiterverfolgt wird, welche schon die letzten Revisionen in der Arbeitslosen- und Invalidenversicherung und auch die Sozialhilfe kennzeichnet. Um Langzeitarbeitslosigkeit, eine der Ursachen von Armut, anzugehen, sollen nach Ansicht des Bundes unter anderem Sozialfirmen gefördert werden. Damit greift die Strategie einen Begriff auf, der in den letzten Jahren immer häufiger in den Medien anzutreffen war. Doch was ist eigentlich eine Sozialfirma? Welchen Nutzen können Sozialfirmen bringen? Und wie sieht die Situation in der Schweiz aus?
Sozialfirmen sind Unternehmen, die nach betriebswirtschaftlichen Grundsätzen arbeiten, um mit sinnvollen Produkten oder Dienstleistungen Arbeitsplätze für Menschen zu schaffen, welche auf dem Arbeitsmarkt benachteiligt sind. Sozialfirmen erwirtschaften einen grossen Teil ihres Umsatzes am Markt und sind damit möglichst unabhängig von staatlichen Subventionen. Sie weisen in der Regel eine gemischte Belegschaft auf, wobei Mitarbeitende mit Behinderung mindestens 30 Prozent des Personals stellen. Sozialfirmen bieten ihren Mitarbeitenden unbefristete Anstellungen und orts- und branchenübliche Löhne. Zum Ausgleich der verminderten Produktivität erhalten Sozialfirmen Zuschüsse der öffentlichen Hand.
Die ersten Sozialfirmen entstanden in den 1980er Jahren in Italien, als infolge der Reform des Psychiatriewesens Wohn- und Arbeitsstätten für Menschen mit psychischen Leiden geschlossen wurden. Auf der Suche nach Alternativen haben Direktbetroffene Kooperativen zur Vermarktung ihrer Produkte oder Dienstleistungen gegründet. Die ersten italienischen Sozialfirmen in Triest sind auch heute noch aktiv. Das Modell hat sich ausgehend von Italien in mehreren europäischen Ländern verbreitet und ist auch in Deutschland und Grossbritannien bekannt.
Der grundlegende Zweck, nämlich vollwertige Arbeitsplätze zu bieten für Menschen, die auf dem regulären Arbeitsmarkt benachteiligt sind, ist ein Beitrag zur beruflichen Gleichstellung von Menschen mit Behinderung. Dieses Ziel wird von allen Sozialfirmenbewegungen geteilt.
Soviel zur Grundidee, welche im Sinne eines Ideals auch das Verständnis der Arbeitsgemeinschaft Schweizer Sozialfirmen (ASSOF) prägt, die sich hierzulande für die Verbreitung des Modells einsetzt. Tatsächlich zeichnet sich die Situation in der Schweiz noch durch begriffliche Unschärfen und konzeptionelle Vielfalt aus, was einen verlässlichen Überblick erschwert. Hierzulande existieren schätzungsweise zwischen 60 und 300 Sozialfirmen. Allerdings verstehen sich einerseits nicht alle Sozialfirmen auch als solche, während sich andererseits manche Sozialfirmen bei näherer Betrachtung kaum von herkömmlichen Beschäftigungsprogrammen oder Werkstätten unterscheiden. Wesentliche Unterschiede sind der höhere Selbstfinanzierungsgrad von Sozialfirmen, die marktnahe Produktion und die reguläre, unbefristete Anstellung der behinderten Mitarbeitenden.
Obwohl der Begriff der Sozialfirma in der Schweiz erst in den letzten Jahren aufgekommen ist, gibt es auch Sozialfirmen, die sich bereits länger am Markt behaupten.
Die Stiftung Wendepunkt ist seit 1993 hauptsächlich im Kanton Aargau aktiv. Sie ist mit ihren Betrieben unter anderem in Bau, Schreinerei, Gartenbau, Räumungen, Gastronomie und Personalvermittlung tätig und bietet berufliche und soziale Integration für Arbeitslose, Sozialhilfebezügerinnen und -bezüger, Asylsuchende und Menschen mit psychischen Problemen. Die Stiftung bietet Arbeitsplätze für 550 Menschen mit Beeinträchtigungen (Stand 2008).
Seit 1999 bietet die Blinde Kuh in Zürich und neu in Basel gastronomische und kulturelle Anlässe in absoluter Dunkelheit. Gegründet wurde der Betrieb von blinden und sehbehinderten Menschen, um das Verständnis zwischen Sehenden und Blinden zu fördern und Arbeitsplätze für blinde und sehbehinderte Menschen zu schaffen. In der Blinden Kuh sind 35 Menschen beschäftigt. Das innovative Konzept hat bereits mehrere Preise gewonnen, unter anderem den «Swiss Social Entrepreneur 2007» der Schwab Stiftung.
Die Dock Gruppe wurde 1997 in St. Gallen als Stiftung für Arbeit gegründet. Seither ist sie beträchtlich gewachsen und neu an fünf Standorten tätig, nebst St. Gallen in Zürich, Winterthur, Arbon und Luzern. Sie bietet Beschäftigungsmöglichkeiten für 750 langzeitarbeitslose Sozialhilfebezügerinnen und -bezüger und arbeitet eng mit der regionalen Industrie zusammen. Auch die Dock Gruppe wurde ausgezeichnet: sie hat kürzlich den «Preis für soziale Innovation» der Stiftung Paradies erhalten.
Sozialfirmen sind auch für die Schweiz gesellschaftlich wie wirtschaftlich ein erfolgversprechendes Modell zur Integration in den Arbeitsmarkt und entsprechen einem realen Bedarf. Bisherige Schätzungen zeigen, dass einerseits Arbeitsplätze für 200'000 langzeitarbeitslose und leistungsbeeinträchtigte Menschen oder, bei einem durchschnittlichen Beschäftigungsgrad von 50 Prozent, 100'000 Vollzeitstellen fehlen. Allein die aktuellen Zahlen aus Sozialhilfe und Invalidenversicherung machen deutlich, dass ein Potential von rund 130'000 Arbeitskräften ungenutzt bleibt (Quellen: BFS und BSV). Mit der 6. Revision der Invalidenversicherung wird explizit angestrebt, 16 000 Versicherte in den ersten Arbeitsmarkt zu reintegrieren. Diesem Potential an Arbeitskräften steht Marktpotential in verschiedenen ökonomischen Nischen gegenüber: Nebst Zulieferdiensten für das lokale Gewerbe und die Industrie sind auch Haus- und Gartenarbeiten, Facility Management, Stellenvermittlung, Gastronomie, persönliche Dienstleistungen für Private (Einkaufsservice, Kinder- und Altenbetreuung) und Recycling Bereiche, in denen Sozialfirmen sich erfolgreich positionieren können. In Bezug auf Zielgruppen und Integrationsziele von Sozialfirmen sind unterschiedliche Ausrichtungen denkbar: So braucht es einerseits niederschwellige Dauerarbeitsplätze für stark leistungsbeeinträchtigte Menschen, aber auch Trainingsplätze für Menschen, die mit etwas Hilfe wieder eine reguläre Stelle im ersten Arbeitsmarkt finden können. Sozialfirmen können grundsätzlich beides bieten und profitieren sogar von einer guten Durchmischung der Belegschaft, besonders, wenn sie Mitarbeitende mit psychischen Problemen beschäftigen. Spätestens bei der Frage der Zielgruppe – sollen Sozialhilfebeziehende angesprochen werden, IV-Rentnerinnen und -rentner, Arbeitslose, Asylsuchende? – stossen Sozialfirmen auf Herausforderungen.
Nebst den unternehmerischen Herausforderungen, welche bereits Risiken beinhalten, beeinflussen ebenfalls die politisch-rechtlichen Rahmenbedingungen den Erfolg von Sozialfirmen mit.
Noch gibt es, anders als in Italien oder Deutschland, keine sozialfirmenspezifische Rechtsform. Noch lassen sich die idealtypischen Anstellungs- und Lohnziele nicht überall umsetzen, weil sie mit den Vorgaben der Sozialversicherungen oder der Sozialhilfe nicht kompatibel sind. Noch ist die Zusammenarbeit mit Krankentaggeldversicherungen erschwert, weil Sozialfirmen mit ihrer Belegschaft ein hohes Risiko darstellen. Noch ist die Anschubfinanzierung von Sozialfirmen problematisch, da kaum spezifische Förderinstrumente bestehen und Kredite von Banken schwer erhältlich sind. Noch besteht, anders als in Deutschland, kein Mechanismus, um die höheren Betriebskosten von Sozialfirmen, welche aus der verminderten Produktivität der Mitarbeitenden entstehen, abzugelten.
Wenn die Integrationsziele, welche mit der 6. IV-Revision verfolgt werden, realisierbar sein sollen, gilt es darum, solche Hürden anzugehen und Rahmenbedingungen zu schaffen, die den Aufbau und Betrieb von Sozialfirmen erleichtern.
Quellen und Links:
Suche