Sozial- oder Integrationsfirmen sind für viele Menschen, die von der Arbeitswelt ausgeschlossen sind, die grosse Hoffnung. Obwohl die Zahl solcher Firmen stetig wächst, können diese allein nicht alle sozialen Probleme lösen. Ein klares Ja der Entscheidungsträger zu solchen Firmen ist aber erwünscht.
Catherine Corbaz, Bereichsleiterin Arbeit – berufliche Integration, AGILE
Seit der Krise ist ein Grossteil der Bevölkerung mit der Frage beschäftigt, wie eine Stelle behalten oder eine Arbeit gefunden werden kann. Für Menschen mit Behinderung sind die Aussichten besonders düster. Gleichzeitig propagiert die Bundesverwaltung die Wiedereingliederung als Lösung für verschiedene soziale Probleme, wie Arbeitslosigkeit, Invalidität oder Armut. Wären Sozialfirmen DIE Lösung? Auf jeden Fall ermöglichen sie ausgeschlossenen Personen, wieder eine Arbeit zu finden und ihre Würde wiederzuerlangen.
Die wachsende Zahl von Sozialfirmen verdeutlicht, dass sie Bedürfnissen und Nachfrage entsprechen. Bei der Lektüre dieser Ausgabe von «agile – Behinderung und Politik» zeigt sich ohne Frage: Sozialfirmen haben ihre Daseins-Berechtigung uns sie verfolgen zwei Ziele:
Die Angebote und Funktionsweisen der Sozialfirmen in den einzelnen Kantonen sind sehr unterschiedlich. Daraus ergeben sich viele Fragen, die schwierig zu beantworten sind. Beispielsweise: «Unterscheidet sich die Praxis in der Romandie von jener in der Deutschschweiz?» Ja, aber aufgrund der starken Diversität wäre es heikel, sich auf Verallgemeinerungen einzulassen. So spricht man in der Deutschschweiz von Sozialfirmen, während in der französischsprachigen Schweiz von Integrationsfirmen oder «Entreprises d'insertion sociale» die Rede ist. Die Organisationsform unterscheidet sich je nach Sprachregion. Im Osten des Landes stehen die Sozialfirmen häufig dem Markt nahe. Einige von ihnen bieten fast branchenübliche Löhne und funktionieren beinahe wie Privatunternehmen. In der Romandie ist die Unterscheidung in die Bereiche «sozial» und «im ersten Arbeitsmarkt positioniert» weniger eindeutig. Oft wird auch den Fragen der Qualifikation und Ausbildung grössere Bedeutung beigemessen (Kehrli, 2009: S. 189-190). In den französischsprachigen Kantonen stehen zahlreiche Sozialfirmen zudem für die Forderung nach einem sozialen Wandel oder sogar für den Kampf für eine soziale und nachhaltige Wirtschaft ein.
Falls die Wiedereingliederung mit Hilfe von Sozialfirmen eines der Mittel sein soll, um den zahlreichen Missständen abzuhelfen, mit denen die Sozialversicherungen zu kämpfen haben, so müssen die Bundesbehörden dringend:
Dass vor kurzem die Arbeitsgemeinschaft Schweizer Sozialfirmen (ASSOF) und der «Conseil Romand de l'Insertion par l'Economique» (CRIEC) gegründet wurden, zeigt deutlich, dass sich die Sozialfirmen profilieren müssen, um ihre Interessen schweizweit zu vertreten, und dass sich die Branche vielleicht auch über die Sprachgrenzen hinweg zusammenschliessen sollte.
Auch in Bezug auf den Geschäftsalltag der Sozialfirmen zeigen sich zahlreiche Schwierigkeiten.
Schwindende Finanzressourcen: Renten und soziale Errungenschaften werden zunehmend in Frage gestellt, und die Entschädigungen werden im Laufe der Reformen schrittweise abgebaut.
Die Frage, ob durch die öffentliche Subventionierung dieser Unternehmen ein unlauterer Wettbewerb gegenüber dem Privatsektor entsteht, wird von den Fachleuten verneint. Obwohl die Sozialfirmen auf demselben Markt tätig sind, unterbieten sie die Preise der KMU nicht. Zudem sind sie in Sektoren mit geringer Rentabilität angesiedelt. Sie bieten aber Dienstleistungen an, für die eine Nachfrage besteht. Ihre Struktur und Funktionsweise unterscheiden sich stark von jenen von privaten Firmen. Daraus lässt sich schliessen, dass es Platz für alle hat.
Wenn diese Fragen nicht auf nationaler Ebene diskutiert werden, so endet das Modell der Sozialfirmen vielleicht in der Sackgasse!
Die Angestellten scheinen mit ihrer Arbeit in den Sozialfirmen grösstenteils zufrieden zu sein, obwohl die meisten von ihnen keine Stelle im regulären Arbeitsmarkt finden werden. Leider gibt es keine Statistiken zur Wiedereingliederungsquote. Je nach Region und spezifischer Ausrichtung dieser Firmen findet in Zeiten der Hochkonjunktur schätzungsweise eine von vier Personen eine Arbeit in einem Unternehmen des Privatsektors.
Die übrigen ArbeitnehmerInnen arbeiten weiterhin in Sozialfirmen aus Gründen, die mit ihrer Behinderung zusammenhängen, oder kehren zurück in die Sozialhilfe, die Arbeitslosigkeit oder zur IV.
Diese realistische Feststellung mag brutal klingen. Sie zeigt aber, dass private Unternehmen «noch» nicht bereit sind oder die Vorteile übersehen, die ihnen durch die Einstellung von Menschen mit Behinderung entstehen. Dies lässt denn auch Zweifel an den politischen Wiedereingliederungsprojekten der Bundesverwaltung aufkommen.
Aus dieser Auseinandersetzung mit der heterogenen Welt der Sozialfirmen nehme ich die Erkenntnis mit, dass das Modell gut ist. Es bedingt aber einen nationalen Willen zur Unterstützung, denn das Modell gewinnt in den nächsten Jahren an zusätzlicher Bedeutung. Gleichzeitig muss auch bei den Unternehmern selbst Sensibilisierungsarbeit geleistet werden. Und vor allem müssen sich PolitikerInnen für Anreizmassnahmen einsetzen, damit die Unternehmen mehr Menschen mit Behinderung einstellen. Ansonsten werden aus den Sozialfirmen Sackgassen anstelle von Brücken.
Es gilt, der Realität ins Auge zu sehen: Die Krise und Härte in der Arbeitswelt machen es unmöglich, dass allen eine Stelle angeboten werden kann. Deshalb braucht es Visionen! Wir müssen über neue Modelle nachdenken, die allen eine würdige Existenz ermöglichen: etwa eine Reform und Vereinheitlichung der Entschädigungen bei Invalidität, Unfall, Krankheit, Arbeitslosigkeit oder ein Basiseinkommen!
Bibliographie:
Kehrli Christin (2009): Chance Sozialfirmen: Niederschwellige Arbeitsplätze auf dem dritten Arbeitsmarkt (S. 179-191)
Übersetzung: Susanne Alpiger
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