Eine solidarische und gerechte Existenzsicherung

Landauf landab ist zu hören, dass sich die Schweiz ihr heutiges System der sozialen Sicherheit nicht mehr leisten könne. Stimmt – aber nicht so, wie das die neoliberalen Kreise uns glauben machen!

Von Ruth Gurny, Prof. Dr. Soziologin, Präsidentin des Denknetz Schweiz, Beat Ringger, geschäftsleitender Sekretär des Denknetz Schweiz, Zentralsekretär des Verbandes des Personals Öffentlicher Dienste vpod

Wir können uns das heutige soziale Sicherungsnetz nicht mehr leisten, weil es zu wenig auf die heutigen gesellschaftlichen Realitäten ausgerichtet ist. Das führt dazu, dass gewisse Risiken schlecht oder überhaupt nicht abgedeckt sind, was für die Betroffenen massive Probleme erzeugt. Viele Menschen werden zwischen den Sozialversicherungen hin und hergeschoben und sehen sich oftmals mit einer Unzahl an bürokratischen Demütigungen konfrontiert. Der Kontrolldruck gegenüber den LeistungsbezügerInnen wird laufend verschärft, die Leistungen werden abgebaut. Last but not least: Die patriarchale Grundorientierung der Sozialversicherungen benachteiligt Frauen systematisch.

Die Allgemeine Erwerbsversicherung AEV

Höchste Zeit für eine echte und umfassende Reform anstelle der bisherigen punktuellen Pseudoreformen und Abbauvorlagen. Mit dem Modell einer Allgemeinen Erwerbsversicherung (AEV) legen wir einen solchen umfassenden Reformvorschlag vor. Er umfasst folgende Kernelemente:

AEV und Menschen mit Behinderung

Für Menschen, die aufgrund von Behinderungen auf Leistungen von Sozialversicherungen angewiesen sind, bringt die AEV unter anderen folgende Verbesserungen:

Leistungen, Kosten und Finanzierung

Die AEV bringt gegenüber dem heutigen System erhebliche Verbesserungen auf der Leistungsseite. Was kostet das und wie soll das finanziert werden? Auf der Kostenseite ist festzuhalten, dass wir es nicht nur mit Mehrausgaben zu tun haben, sondern auch Einsparungen gemacht werden, insbesondere bei der Sozialhilfe und aufgrund von Effizienzgewinnen bei den Durchführungskosten. Gemäss unseren Berechnungen stehen den Mehrausgaben für Leistungsverbesserungen von ca. 2660 Millionen Franken Einsparungen im Rahmen von ca. 1830 Millionen Franken gegenüber. Die saldierten Mehrausgaben belaufen sich somit auf ca. 830 Millionen Franken jährlich. Die Finanzierung der AEV erfolgt getreu dem Prinzip der Sozialversicherungen weiterhin über Steuern sowie über Arbeitgeber- und ArbeitnehmerInnenbeiträge im Rahmen von je 3,7 Prozent (heute bezahlen die Arbeitnehmenden 4,1 Lohnprozente, die Arbeitgeber 3,6 Prozent). Selbstständig Erwerbende leisten neu Versicherungsbeiträge auf der Basis des versteuerten Reineinkommens der letzten 24 Monate.

Steigt die Arbeitslosigkeit über einen Grenzwert, dann werden hohe Einkommen, Vermögen und Unternehmensgewinne mit einer Solidaritätsabgabe zur Finanzierung beigezogen. Da die Sozialbeiträge neu wie in der AHV auf allen Lohnteilen erhoben werden, ergeben sich Mehreinnahmen im Umfang von ca. 900 Millionen Franken. Alles in allem ist also die AEV kein finanzpolitisches Abenteuer und ist nicht teurer, sondern solider finanzierbar als das heutige Regime.

AEV ist kein Erlösungsszenario

Wir sind überzeugt, dass mit dem Modell der AEV ein Beitrag zu einer solidarischeren und gerechteren Gesellschaft geleistet werden kann. Allerdings wollen wir die AEV nicht als Erlösungsszenario verstanden wissen. Auch mit einer AEV können wir Armut und Ausbeutung nicht auf einen Schlag beseitigen. Viel anderes bleibt zu tun: Der Kampf für gerechte Löhne, für eine massgebliche Arbeitszeitverkürzung, für mehr Wirtschaftsdemokratie. Dranbleiben, sich einmischen und verantwortlich machen – um das kommen wir nicht herum.

Anmerkung der Redaktion

Der Verein Denknetz Schweiz setzt sich mit den Entwicklungen in der Wirtschafts-, Sozial und Arbeitspolitik auseinander. Zu diesen Themen erarbeitet er Reformvorschläge, entwickelt eine internet-basierte Drehscheibe für Vernetzung und Austausch (www.denknetz-online.ch), führt Tagungen durch und fördert Forschung und Konzeptarbeit.