Sinnliche und sexuelle Begleitung der Menschen mit Behinderung, die dies wünschen – Dies ist die Aufgabe der ersten SexualassistentInnen der Romandie, die Anfang Sommer ihre Ausbildung abgeschlossen haben. Das Ende eines Tabus und eine Premiere im französischsprachigen Teil Europas.
Von Cyril Mizrahi, Secrétaire romand und Mediensprecher Westschweiz von AGILE
Bei der Diplomfeier für die ersten zehn SexualassistentInnen der Romandie, die am 13. Juni in Lausanne stattfand, waren die Emotionen spürbar. Die Ausbildung war auf Initiative des Vereins «Sexualité et Handicaps pluriels» (www.sehp.ch) lanciert worden. Diese setzt sich seit über zwanzig Jahren auf umfassende Art und Weise dafür ein, Lösungen zu finden für dieses grundlegende und «ganz einfach menschliche» Bedürfnis – die Sexualität – für Menschen mit Behinderung und auch die gesamte Bevölkerung.
«Vor zwanzig Jahren wagte man nicht einmal daran zu denken», sagt SEHP-Präsidentin Catherine Agthe Diserens über Sexualassistenz und spricht dabei den verschiedenen Partnern ihren Dank aus: Darunter sind INSOS (Branchenverband der Institutionen für Menschen mit Behinderung), Pro Infirmis, die Schweizer Paraplegiker-Stiftung, Selbsthilfeorganisationen wie ASRIM (Menschen mit Muskelerkrankungen) oder insieme (Eltern von Kindern mit geistiger Behinderung) sowie die Kirchgemeinde Nyon, die Räume zur Verfügung gestellt hatte.
«Ob diese intimen Begleitungen in zwanzig Jahren weniger tabu sein werden?» fragt sich Catherine Agthe und fährt fort: «Es ist eine Möglichkeit neben anderen, eines von verschiedenen Angeboten.» Der Verein erhält eine Vielzahl von Anfragen. Für die einzelnen Arten von Behinderungen sind jeweils unterschiedliche Lösungen nötig. Menschen mit einer schweren körperlichen Behinderung wünschen beispielsweise einen anderen Kontakt als die ausschliesslich medizinische Berührung, die ihnen so oft zuteil wird.
In den Institutionen waren die Bedürfnisse der BewohnerInnen seit langem bekannt, doch sprach niemand davon, berichten verschiedene RednerInnen. Ein ehemaliger Leiter einer Institution erzählt: «Die Institutionen konnten sich früher nicht erlauben, dass es Sexualität gab, da dies einen Skandal hervorgerufen hätte. Man benutzte teilweise sogar Zwangsmittel, um die BewohnerInnen daran zu hindern, zu masturbieren.» Dennoch «unterscheiden sich die affektiven und sexuellen Bedürfnisse der Menschen mit geistiger Behinderung nicht von jenen der übrigen Bevölkerung».
Nicolas De Tonnac, Präsident der Genfer Kantonalkommission von Pro Infirmis und selbst im Rollstuhl, erinnert sich: «Am ersten Kongress zum Thema Behinderung und Sexualität in Genf 1986 stellte man sich Fragen wie: Welche Rechte? Welche Sexualität? Mit wem? Die Medizin kümmert sich um das Leiden, nicht so sehr um die Lust. Aber wenn die Lust nicht zugänglich ist, führt dies zu einem grossen Leiden.» Im Anschluss an diesen Kongress wurde die Vereinigung SEHP gegründet.
Aber, wie Françoise Vatré, Sexualpädagogin und eine der Gründerinnen der SEHP, erklärt, «alles dauert seine Zeit». «An einer Konferenz haben sich französische Psychoanalysten an einen anderen Tisch gesetzt, sie haben mich wie eine Hexe behandelt», erzählt Catherine Agthe. Die Deutschschweiz hatte in unserem Land zwar eine Pionierarbeit geleistet, doch die Einführung einer Ausbildung im Jahr 2003 rief heftige Reaktionen in der Öffentlichkeit hervor, erklärt Ahïa Zemp, Verantwortliche der FABS (Fachstelle für Behinderung und Sexualität). Die FABS wurde gegründet, nachdem sich Pro Infirmis, um Spendeneinbussen zu vermeiden, nach der Lancierung aus dem Projekt zurückgezogen hatte. Es ist also nicht so sicher, dass die Vorurteile lediglich kulturell bedingt sind, hält Marcel Nuss fest, Gründungsmitglied des Collectif Handicap et Sexualité (Frankreich). Nuss weist aber auf die Vorreiterrolle der Schweiz hin (siehe unten).
Oft ist auch unter den Betroffenen selbst Überzeugungsarbeit nötig. «Mit den Eltern muss viel Arbeit geleistet werden. Diese sehen ihre Kinder häufig immer noch als … Kinder», unterstreicht der Leiter der Genfer Institution Clair-Bois. Auch bei Menschen mit Behinderung selbst sind manchmal Scham und Ängste vorhanden, wie die Parlamentsmitglieder Luc Recordon und Liliane Maury Pasquier feststellten. In einem der Zeitungsartikel, die Anfang Juni in der Presse erschienen, schreibt die Journalistin Annick Monod: «In den Idealen unserer Gesellschaft sind Sex und Liebe untrennbar». Menschen mit Behinderung streben nichts anderes an. Stellen SexualassistentInnen dafür tatsächlich eine integrative Lösung dar?
Es handelt sich um eine pragmatische Lösung, um die Bedürfnisse von Menschen, die eine schwere Behinderung haben oder in einer Institution leben, zumindest teilweise zu erfüllen, schreibt die SEHP auf ihrer Website. «Sexualität ist nicht nur ein Bedürfnis, sondern vor allem eine Lust, ein Verlangen!», präzisiert ein Mann mit Behinderung. Für Luc Recordon ist das Recht auf Sexualität ganz einfach eine Frage der Gleichstellung. Auch wenn vorläufig nicht die Rede davon ist, dafür eine Finanzierung durch eine Sozialversicherung in Betracht zu ziehen.
Albert Rodrik, ehemaliger Chefbeamter des Département de l’action sociale und Verfassungsratsmitglied in Genf, erntet Applaus für seine Ausführungen: «Unter den Menschen wurde alles ausprobiert und hat seine Achtbarkeit. Das Streben nach Lust ist die produktivste Sache. Es entspricht dem Wesen des Menschen, auf andere zuzugehen, um sein Verlangen zu stillen. Wenn man etwas tun kann, um unseren behinderten Mitmenschen zu helfen, dann muss man es tun!».
Obwohl sie für ihre Dienste bezahlt werden, unterscheiden sich die – freiberuflich tätigen - 6 Männer und 4 Frauen, die ihre Ausbildung abgeschlossen haben, von Prostituierten. Durch die Bezahlung soll vor allem gewährleistet werden, dass die Beziehung zwischen KundInnen und AnbieterInnen ausgeglichen und klar bleibt. Im Vordergrund steht die Motivation, sich in den Dienst der behinderten Person zu stellen. Die KandidatInnen sind nach mehreren Gesprächen und mit Sorgfalt ausgewählt worden. Sie sind über 30 Jahre alt und üben zu mindestens 50% eine andere Tätigkeit aus. Nach einer fast einjährigen anspruchsvollen Ausbildung nehmen sie monatlich an einer Supervision teil. Anfragen nimmt die Vereinigung entgegen, evaluiert diese und stellt allgemein sicher, dass die geeignetste Lösung gewählt wird.
Im Gegensatz zur allgemeinen Erwartung stammen die Anfragen nicht mehrheitlich von Männern. In den letzten sechs Monaten meldeten sich über die Website der SEHP vor allem Frauen. Sie wagen es immer häufiger, ihre Bedürfnisse und Sehnsüchte auszudrücken, erklärt Géry, einer der neuen Assistenten. «Wenn die Frau zu ihrer Unabhängigkeit zurückfindet, wieder emanzipiert ist, hat sie auch dieselben Bedürfnisse im Bereich der Sexualität wie Männer», fügt Laura (Vorname fiktiv) hinzu.
Übersetzung: Susanne Alpiger
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