Kampagne muss gestoppt werden

AGILE hat zur Plakatkampagne des BSV einen Gastartikel im Newsletter der SP Schweiz verfasst. Wir bleiben dabei: Die Kampagne zementiert Vorurteile und muss gestoppt werden.

Diese PR-Kampagne muss gestoppt werden!

Von Eva Aeschimann

Ich bleibe dabei. Die neuste Plakatkampagne der Invalidenversicherung ist für rund 13 Prozent der Bevölkerung in der Schweiz beleidigend und verletzend. Für eine Million Menschen also – Menschen mit Behinderung. Aber auch für deren Angehörige. Die Kampagne muss gestoppt werden.

Seit Anfang November hängen in der ganzen Schweiz Plakate mit Äusserungen wie «Behinderte kosten uns nur Geld» und «Behinderte arbeiten nie 100%». Innert Kürze hat AGILE Dutzende Rückmeldungen von verletzten und empörten Menschen mit und ohne Behinderung erhalten.

Intervention bei der Invalidenversicherung

AGILE hat in der Folge ihrer eigenen Entrüstung über diese diffamierende Aktion Luft gemacht. Dies mit einem Brief an den Verantwortlichen für diese Kampagne, Alard du Bois-Reymond, Chef der Invalidenversicherung, mit Kopie an EDI-Vorsteher Didier Burkhalter. Auch andere Behindertenorganisationen und viele Betroffene nahmen kritisch zur zuerst anonym laufenden Kampagne Stellung. Beim als Urheberschaft vermuteten Bundesamt für Sozialversicherungen und bei der Allgemeinen Plakatgesellschaft APG liefen die Telefondrähte heiss, Mailboxen wurden mit Nachrichten überfüllt. Eine Behindertenorganisation hat gar Anzeige wegen übler Nachrede und Verleumdung eingereicht. Aber auch bei den SBB gingen Dutzende Reklamationen ein, denn in Bahnhöfen hingen und hängen besonders viele dieser Plakate.

«Auflösung» der Teaser-Kampagne

Fünf Tage früher als geplant informierte die Invalidenversicherung an einer eilends einberufenen Medienkonferenz über Urheberschaft und Ziel der provokativen Kampagne. Die Aktion ist Teil einer vierjährigen, sechs Millionen Franken kostenden PR-Kampagne für die Integration Behinderter. Sie solle mit Hilfe von gängigen Vorurteilen in einem ersten Schritt, einer Teaser-Kampagne, provozieren und aufrütteln. In einem zweiten Schritt würden die genannten Vorurteile aufgelöst, ein Nachdenken angeregt, hiess es. Fünf Tage früher als geplant wurde nun der zweite Kampagnenschritt lanciert, die Auflösung. Offenbar war das erhoffte Mass der Empörung im Lande um einiges schneller und früher erreicht, als die Verantwortlichen der Kampagne gedacht hatten. Rasch wurden die neuen Plakate aufgehängt, mit einem das Vorurteil «auflösenden» Satz und mit dem Absender IV. Ein Erfolg der Menschen mit Behinderung und ihrer Organisationen? Vielleicht ein kleiner Erfolg. Bloss: Auch mit der «Auflösung» bleiben die in Grossbuchstaben verfassten und fettgedruckten Vorurteile dominant und bestimmend. Die Botschaften – finanziert aus Versicherungsgeldern der Betroffenen notabene – zementieren Vorurteile gegenüber Menschen mit Behinderung. Und nachdenklich stimmen dürfte der genaue Wortlaut der Entschuldigung von IV-Chef Alard du Bois-Reymond an der Medienkonferenz: «Ich entschuldige mich für die Menschen mit Behinderung, die sich durch die Plakate verletzt fühlen».

Untolerierbar und unprofessionell

Ich bleibe dabei. Die neuste Plakatkampagne der Invalidenversicherung ist für rund 13 Prozent der Bevölkerung in der Schweiz beleidigend und verletzend. Sie muss abgebrochen werden. Untolerierbar: Bei der Konzeption der IV-Kampagne war keine Behindertenorganisation und auch keine Testgruppe bestehend aus Menschen mit und ohne Behinderung einbezogen worden.

Äusserst befremdend ist weiter, dass die PR-Aktion weder der AHV/IV-Kommission noch dem Eidgenössische Büro für die Gleichstellung von Menschen mit Behinderung EBGB vorgelegt worden ist. Dies obwohl die Kommission ein beratendes Organ des Bundesrates und das EBGB im gleichen Departement wie das BSV angesiedelt ist.

Gar als unprofessionell bezeichnet werden muss, dass die Verantwortlichen der Kampagne sich nicht einmal über bisherige Erfahrungen und wissenschaftliche Untersuchungen zur Wirkung solcher Kampagnen informiert haben. Siehe beispielsweise die Auswertung der letzten ähnlich aufgebauten, grossen PR-Aktion des Bundes, der Kampagne gegen Schwarzarbeit. Die Forscher konnten keine direkte Wirkung der Informations- und Sensibilisierungskampagne feststellen.

Intervention bei TV-Spots

Für den dritten Kampagnen-Schritt hat die IV an der Medienkonferenz landesweit ausgestrahlte TV-Spots angekündigt. Wiederum haben sich Dutzende Betroffene und auch AGILE direkt bei der dafür zuständigen Publisuisse gewehrt und sich für einen Verzicht auf die Ausstrahlung der TV-Spots eingesetzt. AGILE hat dabei immerhin einen Teilerfolg erzielt.Die Publisuisse verzichtet nach Gesprächen mit Verantwortlichen bei der SRG SSR idée suisse, dem Bundesamt für Kommunikation und der Invalidenversicherung auf die Ausstrahlung eines Teils der ursprünglichen geplanten Spots.

Arbeit mit Vorurteilen? Darf man das?

Ich bleibe dabei. Die neuste zweiteilige Plakatkampagne der Invalidenversicherung und auch die TV-Spots sind für rund 13 Prozent der Bevölkerung in der Schweiz beleidigend und verletzend. Wie heikel das Arbeiten mit Vorurteilen in einer PR-Kampagne ist mit dem Ziel der Sensibilisierung der Bevölkerung, wird spätestens dann klar, wenn man diese Kampagne und insbesondere den Teaser auf eine andere Bevölkerungsgruppe ummünzt. Menschen, die ebenfalls tief verankerten Vorurteilen ausgesetzt sind: unsere jüdischen MitbürgerInnen. So etwas ist unvorstellbar.

Bloss: Welches ist der Unterschied zu den behinderten MitbürgerInnen? Gerade auch mit Blick auf eines der schrecklichsten Kapitel der jüngeren Geschichte in dem unter der Bezeichnung «unwertes Leben» auch Tausende Menschen mit Behinderung ermordet worden sind?