Mit der 6.-IV-Revision kommen IV-RentnerInnen mit einer psychischen Erkrankung unter besonders starken Druck. Der Ostschweizer Psychiater Z. A.* berichtet im Interview mit «agile – Behinderung und Politik» über seine eigenen und die Erfahrungen seiner KlientInnen mit der aktuellen 5. und der kommenden 6. IV-Revision.
Von Marie Baumann*
«agile»: Ist die 6. IV-Revision ein Thema bei Ihren Klienten?
A: Für die meisten sind die IV-Revisionen kein Thema, bis sie schmerzhafte Erfahrungen damit machen. Vorher ist ihr Vertrauen in die Gesundheitspolitik unerschüttert. Die Patienten sind überzeugt, dass die gegenwärtigen Sanierungs- und Sparmassnahmen notwendig und richtig sind und alles korrekt abläuft. Die meisten glauben auch, dass es Missbrauch gibt. Einige glauben, Betrüger in der eigenen Umgebung zu kennen, manchmal persönlich, manchmal nur vom Hörensagen. Patienten hingegen, die bereits von der IV unterstützt werden, den «Abklärungsprozess» durchlebt haben und weiterhin auf Leistungen angewiesen sind, sorgen sich häufig über die Auswirkungen der 6. IV-Revision auf ihr Leben.
«agile»: Welche Befürchtungen und Gefühle äussern Ihre Patienten?
A: Patienten, die bereits IV-Leistungen beziehen, machen sich Sorgen, diese zu verlieren. Dann gibt es Patienten, die in vorherigen Abklärungen lange hingehalten, x-fach neu begutachtet und/oder demütigend behandelt worden sind. Neben der existenziellen Sorge kommt die Angst vor neuen Demütigungen hinzu, die Angst vor Entwertungen bei vertrauensärztlichen Untersuchungen oder vor Besuchen von IV-Sachberatern (zur Kontrolle der Haushaltstätigkeit). Die Patienten äussern Gefühle des Ausgeliefertseins, Misstrauen, Ängste und Hilflosigkeit.
«agile»: Wirken sich diese Ängste auf den Gesundheitszustand und den Behandlungserfolg von Menschen mit psychischen Erkrankungen aus?
A: Selbstverständlich! Die aktuelle 5. IV-Revision und der mit der 6. Revision bevorstehende, verschärfte Abklärungsprozess erhöhen den Druck auf die psychisch kranken Menschen hochgradig. Dieser Druck behindert die ärztliche Arbeit massiv, zusätzlich zur bestehenden Krankheit. Er verschlechtert systematisch die Prognose psychischer Leiden.
Deshalb fordere ich, dass die Beurteilungs-Kompetenzen, die den behandelnden Ärzten bei den IV-Revisionen entzogen und auf den IV-Apparat übertragen werden, mit der Übernahme der Therapieverantwortung gekoppelt werden. Es ist inakzeptabel, dass die IV Entscheide treffen darf, die der Expertenmeinung vor Ort unter Umständen diametral entgegen stehen, ohne gleichzeitig auch die Verantwortung für die Folgen dieser Entscheide übernehmen zu müssen.
«agile»: Warum zielt die 6. IV-Revision insbesondere auf Menschen mit einer psychischen Erkrankung?
A: Psychische Leiden führen besonders schnell zu einer Beeinträchtigung der gesamten Leistungsfähigkeit. Deshalb sind psychisch kranke Menschen schneller als somatisch kranke Menschen erheblich oder vollständig in ihrer Arbeitsfähigkeit eingeschränkt. Und deshalb lösen psychische Leiden auch hohe volkswirtschaftliche Kosten aus. Es ist nachvollziehbar, dass die Sparbemühungen der IV-Revision auf die psychisch Kranken abzielen, weil psychische Leiden in den letzten Jahren zugenommen haben und verhältnismässig hohe Behandlungs- und Folgekosten verursachen. Diese Revision ist in dieser Art trotzdem falsch und wird die Kosten nicht senken, sondern erhöhen, respektive an andere Stellen verschieben, zum Beispiel zu den Sozialämtern.
«agile»: Was heisst das konkret?
Die Sozialämter sind für den Umgang mit psychisch kranken Menschen weder ausgebildet, noch gerüstet. Deshalb erleben psychisch Kranke nach der Demütigung durch den ablehnenden IV-Abklärungsprozess schon jetzt beim Sozialamt meist die nächste Traumatisierung. Meine Erfahrung zeigt: Betroffene Patienten, deren Krankheit von der IV nicht anerkannt wurde, geraten besonders rasch in Verbitterung. Gerade auch, wenn sie regelmässig beim Sozialamt vorsprechen, immer wieder ihre gesamte Situation ausbreiten und um Verständnis für ihre Erkrankung kämpfen müssen. Depressionen, gepaart mit dieser Verbitterung, sind kaum noch zu therapieren. Der Abstieg in die Fürsorgeabhängigkeit wegen einer IV-Ablehnung ist deshalb oft der entscheidende Schritt in die Chronifizierung des Leidens.
«agile»: Wie sind allgemein die Erfahrungen Ihrer Patienten mit der Invalidenversicherung?
A: Bei der Erstabklärung begegnet die überwiegende Mehrheit der Patienten dem IV-Apparat offen und vertrauensvoll. Danach sind Patienten – mit IV-Erfahrung – fast durchwegs ernüchtert, eingeschüchtert, misstrauisch und oft auch verbittert. Einzelne mussten bis zu fünf Jahre auf einen IV-Entscheid warten – ohne jegliche Information. Andere haben wegen der Verschleppung von IV-Bescheiden, ohne erkennbaren Grund, erst das Vermögen aufbrauchen müssen. Zwischenzeitlich waren sie sogar von der Fürsorge abhängig. Weitere wurden vom Sozialamt wegen fehlender IV-Anerkennung als Simulanten behandelt. Andere erleben IV-Vertrauensärzte ohne jede Empathie, berichten von groben, abwertenden und verletzenden Befragungen und Untersuchungen. Insbesondere Patienten mit Traumatisierungen, z. B. Frauen mit sexuellem Missbrauch in der Vorgeschichte berichten von rücksichtslosen Vorgehensweisen. Andere erzählen von Besuchen zudringlicher IV-Kontrolleure und respektlosen Verhörmethoden.
«agile»: Wird die Invalidenversicherung als Unterstützung wahrgenommen, beispielsweise im Eingliederungsprozess?
Meine Klienten berichten überwiegend von negativen Erfahrungen mit der IV. Die IV hat sich zu einer Black Box entwickelt, die Informationen anfordert, sie frisst und nach einer beliebigen Zeit und einem völlig unbekannten Verdauungsprozess in Form einer Entscheidung wieder ausspuckt. So erleben Patienten etwa, dass die IV im Falle einer Arbeitsunfähigkeit rasch einen Kontakt herstellt (Frühintervention), dass aber oft nichts Konkretes passiert. Nur wenn kein relevantes psychisches Leiden vorliegt, sondern es sich um eigentlich gesunde Menschen mit einer Arbeitsplatzkrise handelt, habe ich in einigen Fällen Wiedereingliederungshilfe als positiv erlebt. Einige IV-Sachbearbeiter wirken übermotiviert, indem sie Keile in die Patienten-Arzt-Beziehung treiben, Zweifel an der Seriosität der ärztlichen Beurteilung äussern, den Patienten mit «positiven Gedanken» zu puschen versuchen etc.
Insgesamt erlebe ich den IV-Betrieb als behäbig und wenig kreativ, wenn es um die Wiedereingliederung psychisch kranker Menschen geht.
«agile»: Was wären für Sie als Psychiater erfolgsversprechende Massnahmen, um Menschen mit psychischen Erkrankungen besser in die Arbeitswelt eingliedern zu können?
A: Die Integration psychisch kranker Menschen gelingt nach Massgabe ihrer Erkrankung und der vorherrschenden Arbeitsmarktsituation. Ich meine, der gesunde Menschenverstand gibt die Leitlinie vor: Für die Arbeitsmarktsituation sind nicht die Ärzte verantwortlich. Je flexibler sich das Arbeitsmarktangebot den eingeschränkten Bedingungen psychisch kranker Menschen anzupassen vermag, umso besser gelingt Eingliederung. Zur Zeit ist das Angebot wenig flexibel, Tendenz negativ.
Die psychische Erkrankung ist ein Faktum, welches Grenzen vorgibt. Sicher ist: Mit rhetorischen Tricks und mit Druck ist psychisches Leiden nicht mit positivem Ergebnis zu beeinflussen. Die individuelle, berufliche Eingliederung gelingt umso besser, je gesünder und belastbarer der Patient bereits ist oder im Heilungsprozess wird. Zur Einschätzung der Situation und auch zur Heilung braucht es die Fachkräfte vor Ort. Die Wiedereingliederungsergebnisse verbessern sich insgesamt, wenn man der fachkompetenten Arbeit der behandelnden Ärzte Vertrauen schenkt, statt sie in ihrer Arbeit zu behindern.
Folgende Kriterien sind meiner Ansicht nach wichtig:
«agile»: Herr A., besten Dank für dieses Interview
*Z. A. Name der Redaktion bekannt. Marie Baumann absolviert die AGILE-Weiterbildung «Politische Selbstvertretung von Menschen mit Behinderung» und schreibt im Blog http://ivinfo.wordpress.com über die Invalidenversicherung, Behinderung und gesellschaftliche Themen.
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