Untertitel: Warum gerechte Gesellschaften für alle besser sind. Selten hat mich das Vorwort eines Buches so gefesselt und mich neugierig auf den folgenden Text gemacht. Und es hat sich gelohnt, die rund 330 Seiten zu lesen, obwohl das Wort Behinderung kein einziges Mal vorkommt.
Für Sie gelesen von Bettina Gruber
Die beiden britischen EpidemiologInnen Richard Wilkinson und Kate Pickett suchten seit Jahren nach den Gründen für die Häufung bestimmter Krankheiten bei konkreten Bevölkerungsgruppen. Als sie begannen, die Gesundheitsdaten mit Einkommensdaten zu vergleichen, ergaben sich Korrelationen zum Grad von Gleichheit oder Ungleichheit in einer Gesellschaft. Als sie dann verschiedenste Gesundheitsaspekte einzeln prüften, ergab sich immer wieder das gleiche Bild: Es besteht eine Beziehung zwischen Gesundheit und Wohlstand und dem Grad der Einkommensgleichheit. Ihre These, die sie darum heute mit Überzeugung, ja fast prophetischem Eifer vertreten: Gleichheit macht gesünder und zufriedener.
Dass einiges für diese Formel spricht, belegen zahlreiche Grafiken. Wer eine vehemente Ablehnung für solche empfindet, ist mit diesem Buch folglich schlecht bedient. Für alle andern lohnt sich der Aufwand, denn die Grafiken sind meist einfach zu verstehen. Kleiner Tipp: zuerst die fünf Seiten «Erläuterungen zu den Schaubildern» im Anhang lesen.
Ausgangspunkt des Autorenteams ist die Feststellung, dass wirtschaftlicher Aufschwung zu höherer Lebenserwartung führt. Bei den entwickelten Ländern scheint nun aber ein Niveau erreicht, bei dem sich ein noch höheres Pro-Kopf-Einkommen nicht mehr weiter auswirkt. Ähnliches gilt für das Wohlbefinden der Menschen. Eine spannende erste Erkenntnis aus den Datenvergleichen: Nicht das durchschnittliche Einkommen eines Landes erklärt den Grad an Gesundheit und Wohlbefinden, sondern das innergesellschaftliche Einkommensgefälle.
Dass bei mehr Gleichheit vorab die unteren Einkommensgruppen profitieren, leuchtet dabei wohl jedem ein. Dass es dabei aber auch den Wohlhabenden besser geht, ist dann doch eine Überraschung. (Ausser für jene, die das Mani Matter-Lied «Dene wos guet geit, giengs besser, giengs dene besser, wos weniger guet geit...» für mehr als eine gelungene Wortspielerei gehalten haben.)
Um die Beobachtungen im Einzelnen auszuführen, bedienen sich Wilkinson und Pickett statistischer Daten von 23 der reichsten Länder und parallel dazu als Vergleichszahlen Daten der 50 amerikanischen Bundesstaaten. Um den Grad an Gleichheit in einem Land zu ermessen, wurden die Einkommen der reichsten und der ärmsten 20 Prozent der Bevölkerung miteinander verglichen. Nach einer Beschreibung des Status quo, bei dem trotz hoher Durchschnittseinkommen soziale Defizite immer offensichtlicher zu werden scheinen, werden verschiedene gesundheitliche und soziale Aspekte detaillierter unter die Lupe genommen. Im Einzelnen werden dabei z.B. soziale Beziehungen, seelische Gesundheit und Drogenkonsum, Fettleibigkeit, schulische Leistungen, Teenagerschwangerschaften, Gewalt oder Gefängnisse genauer betrachtet. Und da ergibt sich stets ein ähnliches Bild: Bei grösserer Ungleichheit sind auch die Probleme grösser. Als Extreme in verschiedenen Vergleichen erwiesen sich dabei auf der Positivseite, also mit verhältnismässig grosser Gleichheit, die skandinavischen Länder und Japan, auf der anderen die USA, Grossbritannien und Portugal. Manchmal ist allerdings die Streubreite bei Ländern gleicher Einkommensverteilung so gross, dass die Frage nach weiteren Faktoren unausweichlich wird, hier aber keine Beachtung findet. Trotz dieser Einschränkung: Eine solche Häufung von Korrelationen kann kein Zufall sein.
Was also nun? Da sieht mancher Amerikaner oder Westeuropäer rot und denkt an Revolution. Diesem Kurzschluss begegnen die AutorInnen mit dem Argument, dass sie eben gerade Demokratien miteinander verglichen haben um aufzuzeigen, dass in ähnlichen politischen Konstellationen durchaus verschiedene Wege beschritten wurden und es darum auch heute Möglichkeiten gibt, auf ein höheres Mass an Gleichheit hinzuwirken. Gerade wenn man bedenkt, dass die Entwicklung inklusive politischer Massnahmen in den letzten Jahrzehnten in vielen der beobachteten Ländern zu mehr Ungleichheit geführt hat, müsste sich dieser Trend doch auch umkehren lassen.
Dazu gibt es zwei Ansatzpunkte: mit steuerlichen Massnahmen Ungleichheit verkleinern oder sozusagen vorgelagert in den Betrieben auf kleinere Lohnunterschiede hinwirken. Als gangbare Wege werden dabei Eignerbeteiligungen der Mitarbeitenden erwähnt. Bei der öffentlichen Hand und im Nonprofit-Sektor sieht das Autorenteam auch schon vielversprechende Ansätze, die Einkommensschere in den Griff zu bekommen.
Als Motivationsspritze, die unseren Willen stärken soll, auf mehr Gleichheit hinzuarbeiten – denn die AutorInnen gehen davon aus, dass nur eine breite Volksbewegung wirklich etwas verändern kann –, nehmen sie uns mit auf einen Streifzug durch die menschliche Geschichte und erläutern Experimente, die über unser Sozialverhalten Aufschluss geben können. Schliesslich sehen sie im technischen Fortschritt, der Neuerungen hervorbringt, die mit immer weniger Materie auskommen, eine Chance zu grösserer Zugänglichkeit für alle und somit zu mehr (Chancen-)Gleichheit. Und als letztes verbinden sie mit erhöhter Gleichheit auch einen Ansatzpunkt für die Lösung der anstehenden ökologischen Probleme, weil Menschen, die nicht in permanentem Vergleichsstress stehen, weniger konsumieren.
Das klingt wirklich fast zu schön um wahr zu werden. Trotzdem hat das Buch etwas Bestechendes, schon fast ein amerikanisches «We can!» Jedenfalls hat es das Zeug dazu, viele Menschen – nicht aus rein ethischer Motivation, sondern aus der Einsicht heraus, dass es uns besser gehen würde – zu VerfechterInnen von mehr Gleichheit zu machen. Das kann uns Behinderten nur recht sein.
Richard Wilkinson und Kate Pickett, Gleichheit ist Glück. Warum gerechte Gesellschaften für alle besser sind, Haffmans & Tolkemitt (bei Zweitausendeins), Dez. 2009; ISBN: 978-3-942048-09-5; Preis: CHF: 46.90. In der Schweiz erhältlich bei: buch 2000, Postfach 89, CH-8910 Affoltern a.A.
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