Gleichstellung – Behinderte Menschen sind gleichermassen gleich und anders gleich wie alle anderen Menschen auch. Ein Essay auf den Spuren eines herausfordernden Begriffs – zwischen Vergangenheit und Zukunft.
Von Maria Gessler, Vorstandsmitglied AGILE
Die Geschichte der Menschheit trägt auch die Geschichte von Gleichstellung in sich. Alle Menschen sind ja ‹eigentlich› grundsätzlich gleich. Wir werden ungefragt geboren, und wir sterben, wenn unser Herz nicht mehr mag. Im Leben dazwischen brauchen wir alle das Gleiche zum unmittelbaren Überleben – Atemluft, Trinkwasser und Nahrung. Jeder Mensch ist aber nur schon in Bezug auf diese drei Notwendigkeiten ‹anders gleich›.
Wer hoch oben in dünner Bergluft lebt, braucht ein grösseres Lungenvolumen und mehr rote Blutkörperchen als üblich. In abgeschiedenen Polargebieten kann man wohl eher nicht einfach den Wasserhahn öffnen, sondern geht zuerst einmal vor der Behausung Schnee schaufeln, während in regenarmen Gebieten das kostbare Nass nur durch kilometerlange Fussmärsche zu erlangen ist. Vor überfüllten Regalen im Supermarkt hat man die Qual der Wahl, in wenig fruchtbaren Gebieten fast keine.
‹Gleich› ist sprachgeschichtlich germanischen Ursprungs und bedeutete ursprünglich ‹den gleichen Körper habend, von gleicher Gestalt›, bezog sich also auf eine vorwiegend von aussen sichtbare Eigenschaft. ‹Gleich› im Sinn von ‹sofort› verbindet Raum und Zeit, gleich (!) wie etwa ‹hier und jetzt›. ‹Gleich› erscheint in vielen Begriffen: Gleichgewicht – beide Seiten gleich schwer. Tag- und Nachtgleiche – gleich lang. Gleichschritt, Gleichklang – gleichzeitig das Gleiche. Gleichnis – etwas, das sich mit etwas anderem vergleichen lässt. Gleichung – Gleichsetzung rechnerischer Werte. Gleichgültig – ursprünglich ‹von gleichem Wert›, bedeutet heute ‹unterschiedslos› oder auch ‹uninteressiert›.
Tatsächlich gleich kann ein Mensch allerdings nur mit sich selbst sein, denn sein Körper steht ja nur ihm allein zur Verfügung. Selbst ein Klon wäre ein ‹Anderer›, in einem anderen Körper, mit einer anderen, wiederum nur ihm eigenen Geschichte. Ein besonderes Licht auf diesen Sachverhalt wirft die Aussage einer schwer depressiven Frau auf die Frage, weshalb sie denn so sehr weine: «Wegen des Unterschieds zwischen mir und mir.» – Unsere äussere Gestalt aber teilen wir mit allen anderen unserer Spezies, seien wir jung oder alt, gross oder klein geraten, zierlich gebaut oder massig. Wir unterscheiden uns allenfalls in der ‹Ausstattung› wie etwa Haut-, Haar und Augenfarbe – mit einer Ausnahme. Und dieser verdanken wir bis heute eine der extremsten Ungleichstellungen mit erschreckenden Folgen für alle Beteiligten.
Diese Jahrtausende alte systematische Nicht-Gleichstellung von Mann und Frau ist nicht wirklich naturgegeben, nun ja, abgesehen von stammesgeschichtlich bedingtem Verhalten, das mittlerweile unser Fortbestehen eher in Frage stellt denn garantiert. Sie resultiert eher aus unserer Unreife, wir sind ja eine noch sehr junge Spezies und noch lange nicht dort angekommen, das zu sein, ‹wie wir gemeint sind›, wie es der Denker Martin Buber geradezu poetisch formulierte.
Es ist nun einmal einfach unsere Basis, dass wir in zwei Sorten vorkommen, und keine von ihnen ist ‹besser als die andere›, so funktioniert die Natur ganz und gar nicht. Männer und Frauen sind gleich und anders gleich, dies gleichzeitig. Paradox natürlich, aber wir sind nun einmal aus vielen Widersprüchen zusammengesetzte, oft irrationale oder unvorhersehbar agierende Geschöpfe mit einer Neigung zum Chaotentum und Problemen mit der Gleichstellung ganz allgemein.
Es gehört auch zu den Eigentümlichkeiten menschlichen Verhaltens, einerseits im wie auch immer gearteten ‹Anderen, Fremden, Ungleichen› grundsätzlich zunächst Beunruhigendes, Unbequemes oder gar Dämonisches zu sehen, das man schlimmstenfalls brachial bekämpft, jedoch zumindest ausgrenzt und deshalb massiv abwerten muss. Andererseits decken Opfer von Katastrophen oder Gewalteinwirkung, Kranke oder Behinderte die eigene Verletzlichkeit, die eigenen Grenzen oder Ängste auf. Dies erzeugt Gefühle von Unbehagen, Unsicherheit und Betroffenheit. Um diese unerwünschten Emotionen oder Verantwortung abzuwehren, ist es am einfachsten, diese Menschen zu Tätern zu machen. Und damit ist die Gleichstellung wieder in Frage gestellt.
‹Stellen› erhält wie so viele deutsche Wörter durch Vor- und Nachsilben einen grossen Bedeutungsraum. Man stellt etwas auf, hin, aus oder weg, jemanden ein oder auf. Der Polizist kann den Dieb stellen oder der Jäger das Wild, der angehende Soldat stellt sich. Feststellung, Nachstellung, Vorstellung im Theater oder im Kopf oder für eine Anstellung … Stellen und Stellungen en masse. Und schliesslich die Gleichstellung als besondere Herausforderung.
Gleichstellung ist eine Herausforderung in mehrfacher Hinsicht. Es genügt ja nicht, Gleichstellung in einem Gesetzesparagraphen zu verfügen, sie muss auch durchgesetzt, wenn nötig eingeklagt werden. Im allerbesten Fall könnte ein solcher Paragraph mit der Zeit sogar überflüssig werden.
Bloss zu befürchten wäre solches noch lange nicht, denn wir tun uns schwer mit Gleichstellung überhaupt. Mit und ohne Paragraphen. Die einen setzen stillschweigend voraus, dass sie sowieso und überhaupt gleicher seien als andere, deshalb per se tugendsam sowie bessere Menschen. Und sie übersehen völlig, dass sie damit jegliche Gleichstellung vorweg zunichte machen. Andere kümmern sich einen Pfifferling um Gleichstellung gleich welcher Art und beanspruchen Vorrechte. Manche nehmen sich heraus, darüber bestimmen zu dürfen, wer wem wann und wie gleich gestellt sei oder zu sein habe. Einige wiederum wollen lieber gar nicht gleichgestellt sein, sie verlieren dabei zwar ihre Rechte, haben aber auch keine Verantwortung und Pflichten. Etliche pochen bei jeder Möglichkeit auf ihre Gleichstellung, manipulieren aber zu Gunsten von Eigeninteressen diejenige anderer.
Die französische Revolution ebnete der Gleichstellung den Weg von einem vorwiegend theoretisch diskutierten Thema zur praktischen Umsetzung oder wenigsten den ersten unsicheren Schritten in eine neue Wahrnehmung von menschlichem Sein. Und wie schon früher so oft – und vermutlich auch in Zukunft, stand am Anfang ein Blutopfer. Erst, als die durch eine fast unvorstellbar verblendete feudale Misswirtschaft ausgelaugte, ausgeblutete Bevölkerung bar jeder Hoffnung auf bessere Zeiten ihren König ermordete, wurde eine neue Orientierung möglich.
Es gab in den Jahrtausenden selbstverständlicher durch Eroberungskriege und Annektionen alimentierter Versklavung neben unsäglichen Despoten zwar immer auch vernünftige und gute Herrschende. Kasten-, Clan- und Klassensysteme mit unüberwindbaren Schranken und Leibeigenschaft waren trotzdem fast überall die Regel. In gewissen Ländern beginnen sie sogar erst jetzt ihre absolute Dominanz zu verlieren. Afrika und Amerika etwa leiden noch heute an unheilbaren Wunden, welche der systematisch betriebene Sklavenhandel im Interesse der Zuckerplantagen schlug. Eigentliche Menschenjagden hüben und drüben, Ausbeutung, Verachtung, buchstäblich Menschen als Wegwerfartikel.
Es ging aber auch anders: Die vornehmen Römer verwunderten sich höchlichst über die Germanen, Ägypter und Juden, die ihre behindert geborenen Kinder aufzogen und sie nicht einfach aussetzten oder umbrachten. Römische Sklaven konnten sogar, einen gefüllten Geldbeutel vorausgesetzt, zu hohen Würden kommen. – Erst kürzlich wurde das ungefähr hunderttausend Jahre alte Skelett eines etwa neunjährigen Neandertalers aufgefunden. Ohne sorgfältige Pflege wäre dieser schon viel früher an seiner Erbkrankheit gestorben.
Einstein sagte: «Man soll die Dinge so einfach wie möglich machen, aber nicht einfacher.» Wegen Letzterem wird oft nicht einmal der Abgrund erkannt, der sich auftut zwischen echter Gleichstellung und Gleichschaltung via Diktatur, Modelabels und -trends, den von Millionen gleichzeitig konsumierten Fernsehsendungen oder, als weiteres Beispiel, Massenereignissen – alles natürlich nicht per se ‹schlechte› Dinge. Aber echte Gleichstellung verlangt nicht nach Gehirnwäsche sondern nach Auseinandersetzung: Zuerst muss ein Bedarf erkannt, dann anerkannt und schliesslich aktiv erfüllt werden, ein meist mühsamer und ermüdender Prozess. Bremswirkung haben unter anderem Privilegien. Wer gibt diese schon freiwillig auf, nur, damit ein paar Kümmerlinge gleichgestellt sind? Und als kümmerlich gilt aktuell ungefähr alles, was nicht massenmedientauglich oder zu wenig reich ist. Die Gleichstellung von Behinderten gehört definitiv in diese Kategorie. Sie lässt sich schlecht verkaufen.
Hier nun die für uns wichtige Frage: Was haben die bisherigen Ausführungen mit der Gleichstellung behinderter Menschen zu tun? Alles. Behinderte Menschen sind gleichermassen gleich und anders gleich wie alle anderen Menschen auch. Sie sind untereinander gleich, was gesundheits-, finanzpolitische und versicherungstechnische Belange betrifft sowie anders gleich je nach Ausformung der Behinderung.
Drei Dinge braucht es von unserer Seite, damit unsere Gleichstellung gesichert und konsolidiert wird. Unbedingt Solidarität und Loyalität der Behindertengruppen untereinander, also auch die Vermeidung von Auseinandersetzungen, welche dieses nationale Anliegen als Streitereien x-welcher Vereine erscheinen lassen könnten. Diskussionen ja, hitzige, ja, aber nicht die Gleichstellung gleich selbst unterlaufen durch Ausgrenzung oder auch Generalverdachtsäusserungen gegen einzelne Formen von Behinderung. Und zum Dritten müssen wir uns darüber klar sein, dass wir mit unserem Einsatz für unsere eigene Gleichstellung auch allgemein gesellschaftspolitisch markante Zeichen setzen, die für die Zukunft wichtig sind. Das tut nicht nur unserer Motivation gut, sondern ist sehr nötig, denn: «Die Räuberbarone von heute sind der Adel von Morgen», und, sollten sie dieses Mal tatsächlich doch wieder erfolgreich sein, werden sie danach trachten, all diese alten Geschichten zu wiederholen. Ausserdem wird schon jetzt kräftig an unserer Demokratie herumgedoktert. Unsere in der Bundesverfassung festgelegten Rechte mit demokratischen Mitteln einzufordern, könnte dem trotz allem doch zumindest ein wenig entgegenwirken.
Die angesprochenen Themen sind teilweise schmerzlich. Der Zeithorizont für das tatsächliche Erreichen von echter Gleichstellung ist fast entmutigend weit entfernt, und die Perspektiven dürften schon ein wenig rosiger daherkommen.
Deshalb hier ein letztes ‹gleich›: Alle heute auf der Erde lebenden Menschen sind insofern gleich, als dass jede und jeder von uns eine ungebrochene Ahnenlinie hat bis weit, weit zurück in die Vorzeit, als Leben auf der Erde entstand. Ist das nicht eine Ehrfurcht gebietende Tatsache? Und eine, die gewiss auch zu Hoffnung berechtigt.
Suche