Der Bundesrat will in den nächsten Jahren 16'000 IV-RentnerInnen in den Arbeitsmarkt eingliedern. Doch niemand weiss, wo die nötigen Stellen für diese Menschen herkommen sollen. Entsprechend gross ist der Druck auf die IV und auf jene RentnerInnen, bei denen unausgeschöpftes Erwerbspotenzial vermutet wird.
Was tun? Die Privatwirtschaft ist bei der Integration zu nichts verpflichtet. Die Hoffnungen richten sich deshalb vermehrt auf alternative Beschäftigungsmodelle. Eines davon heisst «Sozialfirma». Sozialfirmen, so die Beschreibung, arbeiten wirtschaftlich und handeln sozial, indem sie gezielt auch so genannt randständige Menschen anstellen: ausgesteuerte Arbeitslose, AsylantInnen, SozialhilfebezügerInnen und teilarbeitsfähige IV-RentnerInnen, vor allem solche mit einer psychischen Beeinträchtigung.
Für Menschen in sozialer Not wie auch für innovative UnternehmerInnen eröffnen Sozialfirmen neue Chancen. Das zeigen die Beiträge in dieser Ausgabe von «agile – Behinderung und Politik» eindrücklich. Auch die Gewerkschaften anerkennen Sozialfirmen inzwischen als prüfenswerte Alternative zur Sozialhilfe. Ihre Forderungen: geregelte Arbeitsbedingungen, faire Löhne und die Möglichkeit für alle Mitarbeitenden, sich im Betrieb zu qualifizieren und beruflich weiter zu kommen.
Einverstanden. Doch Sozialfirmen beanspruchen einen Sonderstatus. Und Sonderlösungen sind für Menschen mit Behinderung tendenziell immer stigmatisierend. Es gibt viele leistungsfähige und gut qualifizierte Betroffene, die weder IV noch eine Spezialbetreuung durch Nichtbehinderte brauchen. Eine ihren Fähigkeiten entsprechende Stelle und ein Lohn, mit dem sie in Würde leben können, genügen. Trotzdem haben sie auf dem Arbeitsmarkt schlechte Karten. Dass sie erst dann wieder eine Chance erhalten sollen, wenn sie gesellschaftlich ganz unten angelangt sind, kann nicht das Modell der Zukunft sein.
Fazit: Die Privatwirtschaft bleibt in der Pflicht. Denn an der starken Zunahme der IV-Renten, die wegen psychischen Beeinträchtigungen gesprochen werden, sind die gesundheitsschädigenden Arbeitsbedingungen der Konkurrenzwirtschaft ursächlich mitbeteiligt. Was wir deshalb brauchen, sind UnternehmerInnen, für die «soziales Handeln» nicht etwas Besonderes, sondern ganz normal ist.
Sozialfirmen könnten dazu beitragen, dass gemeinschaftsorientiertes Handeln wieder mehrheitsfähig wird. Darin besteht vielleicht die wahre Innovation dieses Modells.
Angie Hagmann
Präsidentin AGILE Behinderten-Selbsthilfe Schweiz
Suche