Schwierigere Freizeitgestaltung für einen Blinden

Ist die Situation für Menschen mit Behinderung im Rentenalter anders als für Menschen ohne Behinderung? Das hängt bestimmt von der beruflichen Laufbahn der Person ab: Hat sie normal gearbeitet und keine Rente bezogen, dürfte ihre Situation mit jener einer Person ohne Behinderung vergleichbar sein. Zumindest liesse sich das vermuten. In den folgenden Zeilen werde ich versuchen aufzuzeigen, dass das nicht der Fall ist.

Von Roger Cosandey, Präsident des Forums Handicap Vaud

Es wäre vermessen, ein für alle Personen mit einer Behinderung gültiges Portrait zu skizzieren. Ich werde mich deshalb auf meine Realität als Blinder seit dem Kleinkindalter beschränken. Wenn man das Rentenalter erreicht, sollte man nicht einfach untätig zuhause herumsitzen. Wie die jüngsten medizinischen Studien zeigen, kann eine solche Haltung die Lebenserwartung deutlich verkürzen. Für eine blinde Person ist es aber sicherlich schwieriger, die plötzlich sehr umfangreiche Freizeit zu füllen.

Mobilität – Königin der Tugenden

Sich bewegen hilft, in Form zu bleiben. Für Blinde und Sehbehinderte ist ein Spaziergang auch in einer bekannten Umgebung nicht entspannend, da man ständig möglichen Hindernissen ausweichen muss. Spaziergänge sind ein Stress, der dem Wohlbefinden nicht unbedingt zuträglich ist. Man kann dieses Problem mildern, indem man seine Freunde und Bekannten fragt, ob sie einen gelegentlich begleiten. Dadurch kommt zur Bewegung noch der freundschaftliche Kontakt hinzu. Dies setzt natürlich voraus, dass man sich im Verlauf seines Lebens einen Freundeskreis aufgebaut hat. Nach 65 macht man in der Regel nicht mehr viele neue Bekanntschaften... Blinde sollten nicht zögern, ihr Umfeld um Unterstützung zu bitten, da Freunde unsere Bedürfnisse und Wünsche nicht unbedingt von sich aus erkennen.

Einen wachen Geist behalten

Heute gibt es verschiedene Techniken, mit deren Hilfe blinde Menschen lesen können. Ich bevorzuge dazu die Brailleschrift. Da ich sie bereits als Kind gelernt habe, beherrsche ich sie perfekt und kann rasch und flüssig lesen. In Spezialbibliotheken sind auf elektronischen Datenträgern abgespeicherte Werke erhältlich, die von Freiwilligen vorgelesen werden. Auch mit PC und entsprechenden Anwendungen ist der Zugang zu verschiedenen Texten – entweder direkt oder mit Hilfe einer Buchstabenerkennungs-Software – möglich. Der Bildschirminhalt wird anhand von Sprachsynthese vorgelesen oder mit einer Vorrichtung lesbar gemacht, die Braille-Buchstaben erzeugt.

Lesen zu können ist für mich wesentlich. Es dient mir zur Unterhaltung, aber auch zur Information und Bildung. Anders als ich mir vorgenommen hatte, habe ich mich noch nicht sehr oft mit fremdsprachigen Büchern befasst. Ich bin aber zuversichtlich, dass mir das eines Tages gelingen wird.

Eine andere Lösung sind Vereinsaktivitäten

Der Schweizerische Blinden- und Sehbehindertenverband (SBV) und andere Verbände bieten Kurse oder Workshops für verschiedene manuelle oder intellektuelle Aktivitäten an. Dort finden sich vielfältige Möglichkeiten zur Freizeitgestaltung. Ganz besonders wichtig scheint mir, dass sich Menschen, die schon lange mit einer visuellen Behinderung leben, an solchen Aktivitäten beteiligen und jenen eine – wenn auch nur moralische – Unterstützung bieten, die noch nicht lange blind oder sehbehindert sind. Denn von Sehbehinderungen sind viele Rentnerinnen und Rentner betroffen, von denen die meisten bisher ein normales Leben mit einer perfekten oder zumindest brauchbaren Sehfähigkeit geführt haben.

Pensionierte Langzeitblinde können eine sehr wichtige Rolle einnehmen, indem sie ihre Erfahrungen mit anderen Betroffenen teilen. Für mich persönlich erachte ich es als wichtige Aufgabe, mich als Freiwilliger beim SBV zu engagieren, nachdem ich dort während über zwanzig Jahren angestellt war.

Als Schlussfolgerung

Das Erreichen des Rentenalters ist für Blinde nicht ganz so unspektakulär wie für andere. Man muss sich sicher mehr motivieren, um körperlich und geistig aktiv zu bleiben. Dies zu tun lohnt sich aber, weil es das Leben bereichert.

Übersetzung: Susanne Alpiger