Francisco Taboada hat Überzeugungen. Anstatt seine Zeit mit Klagen darüber zu verlieren, dass diese nicht besser vertreten werden, hat er beschlossen, sich politisch zu engagieren. Aber wo anfangen, wenn man sehbehindert ist? Francisco Taboada fand die Antwort in einer Weiterbildung von AGILE im Jahr 2008 – dort machte es Klick.
Von Mélanie Sauvain, Secrétaire romande von AGILE
Der Genfer mit spanischen Wurzeln, der als Zweijähriger sehbehindert wurde (aufgrund eines Haushaltsunfalls und darauffolgenden medizinischen Fehlern), besitzt eine beeindruckende Charakterstärke. Sie ist das Ergebnis einer langen und schmerzhaften Arbeit an sich selbst, die er, wie er sagt, mit Anfang dreissig abgeschlossen hat.
«Die Entscheidung, mich in den Dienst der Mitmenschen zu stellen, habe ich also relativ spät getroffen», erzählt Francisco Taboada. «Ich brauchte Zeit, um mir bewusst zu werden, wer ich war, und dass ich mich nicht dauernd mit anderen messen und etwas beweisen musste». Zu verstehen, dass auch sogenannt «nicht invalide» Personen behindert sein können – beispielsweise wegen ihres schlechten Gedächtnisses oder Orientierungssinns – war wie eine Offenbarung.
Anstatt den von der IV-Stelle vorgegebenen Weg zu beschreiten, der seinen Zielen und Vorstellungen nicht entsprach, begann Francisco Taboada eine Ausbildung im Bereich Management und Human Resources. Sie hat ihm viele interessante Erfahrungen und Begegnungen ermöglicht, und so spart er nicht mit Lob über die CEFCO-Ausbildung, die sich an seine Behinderung anpasste, anstatt ihm die Türen zu verschliessen. Nur eines bedauert er: dass die IV ihn nicht ausreichend unterstützte. «Die IV-Stellen verstehen nicht, dass jeder Sehbehinderte unterschiedliche Bedürfnisse, Vorstellungen und Kompetenzen hat», sagt er und weist darauf hin, dass seine Partnerin und seine Familie seine Ausbildung finanziert haben.
Gleichzeitig wurde der Wunsch, sich sozial oder politisch zu engagieren, immer stärker, «ein bisschen mit dem Gedanken, jenen zu danken, die sich vorher für mich eingesetzt hatten». Cyril Mizrahi, damaliger Secrétaire romand von AGILE und langjähriger Freund, ermutigte ihn an einer Weiterbildung der Behinderten-Selbsthilfe Schweiz teilzunehmen, die unter dem Titel «J'ai mon mot à dire – je m'engage en politique» im Oktober 2008 stattfand. «Ich liess mich mitnehmen, ohne zu wissen, wohin ich ging», gesteht der heute 34-jährige Francisco Taboada. Die Begegnung mit Ständerat Luc Recordon (Grüne/VD) an diesem Seminar war massgebend und hatte zweifellos auch einen Einfluss auf die Wahl der politischen Partei, die den Idealen des jungen Aktivisten am besten entsprach.
«AGILE hat mir Zugang zu Informationen gegeben, insbesondere über die politische Bühne in der Romandie und in der ganzen Schweiz aber auch die Möglichkeiten der Vernetzung. Dann habe ich es gewagt», erinnert sich der heutige Präsident der Grünen in der Gemeinde Lancy (GE). Das Wichtigste ist, wie er sagt: «Man muss etwas wagen. Wagen, Kontakt aufzunehmen, Fragen zu stellen, sich zu informieren.» Seit November 2008 verfolgte Francisco Taboada monatlich die Sitzungen des Gemeindeparlaments von Lancy. Sein Interesse wurde rasch bemerkt, und alle Parteien wollten diesen jungen Mann, der die Lokalpolitik so genau verfolgte, für sich gewinnen. «Die Parteien wurden viel mehr durch meine Motivation als meine Behinderung auf mich aufmerksam. Alle Parteien suchen Nachwuchs, der gewillt ist, sich zu engagieren», erklärt er bescheiden. Schliesslich ist er den Grünen beigetreten.
Francisco Taboada nahm in der Folge an den Wahlkampagnen für den Kantonsrat und den Genfer Staatsrat teil. Sein erstes politisches Amt erhielt er im März 2010, als er zum Präsidenten der Grünen von Lancy gewählt wurde. Die Grünen stellen die zweitstärkste Partei in dieser Gemeinde mit rund 30'000 EinwohnerInnen. Ein wichtiges Jahr steht ihm nun bevor: 2011 geht es darum, in der Gemeinde den Sitz der Grünen in der Exekutive (insgesamt 3 Sitze) und die sechs Sitze (von 35) in der Legislative zu halten. Ausserdem möchte sich Francisco Taboada selbst als Kandidat für die Gemeindewahlen zur Verfügung stellen. «Aber eines nach dem anderen», meint er.
Auf die Frage nach seinem Wahlprogramm zögert Francisco Taboada. «Ich bin natürlich stark sensibilisiert für Fragen zu Minderheiten und Diskriminierungen. Meine bisherigen Erfahrungen kann ich nicht einfach zur Seite schieben», erklärt der Sohn spanischer Einwanderer, der vor einem Jahr vollständig erblindet ist. «Ich möchte mich aber nicht auf die Sozialpolitik beschränken. Genauso kompetent bin ich in den Bereichen Finanzen oder Umwelt», sagt er und erinnert an seine Management-Ausbildung und seine Kenntnisse in Ökonomie. In diesem Sinn ist Luc Recordon ein Vorbild. Wer hatte von seiner Behinderung gewusst, bevor er sich im Sommer 2005 im Nationalrat für die Präimplantations-Diagnostik aussprach? Nur sehr wenige Menschen. Man kannte ihn vielmehr wegen seiner ökologischen Überzeugungen oder seiner Kompetenz bei juristischen Geschäften.
Für Francisco Taboada hat die Integration der Minderheiten Priorität, seien es AusländerInnen oder Menschen mit Behinderung. Um dies zu erreichen, gebe es zwei Wege: in der Welt der Behinderung handeln und fordern, dass man von der Gesellschaft integriert werde. Oder als Beispiel handeln und zeigen, dass man integriert sei und dies also möglich sei. Francisco Taboada hat sich für den zweiten Weg entschieden. Er ist sich aber bewusst, dass dies eine Charakterstärke erfordert, die nicht jedem – sei er behindert oder nicht, Schweizer oder Ausländer – gegeben ist. Manchmal genügt es jedoch schon, etwas zu wagen...
Übersetzung: Susanne Alpiger
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