Mit der Rubrik Gleichstellung im Alltag «Hautnah erlebt» will AGILE an konkreten Beispielen zeigen, wie Gleichstellung geglückt ist oder wie sie verpasst wurde. Es sollen verschiedene Autoren und Autorinnen zu Wort kommen. Haben Sie etwas erlebt, das Sie gerne mit einer interessierten Leserschaft teilen möchten? Wenden Sie sich an Eva Aeschimann (eva.aeschimann@agile.ch)!
Von Simone Leuenberger, wissenschaftliche Assistentin von AGILE
Einkaufszentren sind out, Erlebniscenter sind in. Nicht nur shoppen, sondern auch essen, baden und ins Kino gehen kann man unter einem Dach. Was man aus Amerika kennt, schiesst neuerdings auch in der Schweiz an allen Ecken und Enden aus dem Boden. Neue Bauten und deshalb bestimmt vollständig behindertengerecht, oder? Ich probiere es aus! Mit dem Auto fahre ich ins neu eröffnete Erlebniscenter. Da ich mein Auto parkieren will, folge ich dem Parkplatzsignet. Bevor ich es mir richtig bewusst bin – vor lauter Ausschau halten nach dem richtigen Schild – fahre ich in eine Tiefgarage. Der Gang schlängelt sich lange um diverse Kurven. Das Ende ist vom Eingang her nicht ersichtlich. Hoppla, plötzlich stehe ich mit dem Auto vor einer Schranke. Aha, hier sollte man ein Ticket nehmen. Die Schranke wird mir zur Barriere. Ich kann zwar das Fenster meines Autos herunterlassen, doch bin ich zu klein und zu wenig gelenkig, als dass meine Hand das Ticket vom Automaten in Empfang nehmen könnte. Das weiss ich eigentlich schon lange. Deshalb meide ich Tiefgaragen peinlichst. Hier bin ich allerdings in die Falle getappt. Ich überlege: Rückwärts wieder hinaus fahren, ist zu gefährlich. Es könnte jederzeit ein Auto heranfahren. Die Anlage ist zu wenig übersichtlich und die Fahrbahn zudem äusserst eng. Dies ist der Grund, weshalb auch meine zweite Idee scheitert: Ich kann nicht aussteigen und jemanden suchen, der mir das Ticket gibt. Ich bräuchte mit dem Rollstuhl dafür seitlich viel mehr Platz. In weiter Ferne erspähe ich eine Person, die einzige weit und breit. Meine Rettung? Ich hupe, obwohl hupen zu Rufzwecken verboten ist. Aber ich bin ja in einer Notsituation! Natürlich merkt die Person nicht sofort, dass mein Gehupe ihr gilt. Ich versuche deshalb zusätzlich, mit aller Kraft zu winken und zu rufen, um die Person zum Näherkommen zu bewegen. Es klappt, und der Mann drückt mir das Ticket etwas verdutzt in die Hand. Die Barriere hebt sich und ich bin drin. Jede Menge Behindertenparkplätze, ich kann richtig auswählen. Doch wie ich da wohl wieder raus komme?
Irgendwo finde ich einen Eingang. Alles ist fremd, kaum ein rechter Winkel. Dafür überall Touchscreen-Bildschirme zur Information. Eine Katastrophe für Blinde, denke ich mir. Doch auch für mich als Rollstuhlfahrerin ist eine Barriere eingebaut: Vor jedem Bildschirm hat es eine Ablagefläche für die Einkäufe. Logisch, oder? Ich kann also nicht nahe genug heran fahren. Zusätzlich wäre mein Arm viel zu kurz, um auf dem in Stehhöhe befestigten Bildschirm irgendetwas zu drücken. Wenn ich Glück habe, finde ich einen Bildschirm, der vor kurzem von jemand anderem bedient wurde und kann dort einige Informationen mit Sternguckerblick (Kopf nach hinten werfen, Augen nach oben drehen) erhaschen.
Es ist wirklich ein Einkaufserlebnis der besonderen Art. Man darf sich nicht zu fest auf die Schaufenster konzentrieren, sonst landet man bestimmt in irgendeiner vorstehenden, schrägen Ecke. Die Architektur ist hier halt so...
Ich will meinem Einkaufserlebnis möglichst schnell ein Ende setzen. Nun habe ich nur noch ein Problem: Wie bringe ich mein Auto durch die Schranke wieder aus der Garage hinaus? Bei der Information (ja, ich habe auch Leute gefunden, die man fragen kann!) erkundige ich mich, ob es denn keine Rollstuhlparkplätze gebe, die ohne Schranke zugänglich sind. Die nette Frau holt einen Plan und markiert mir alle Rollstuhlparkplätze gelb. Es sind wirklich viele, doch alle innerhalb der Schranke! Ausserhalb der Schranke? Ja, doch, da sollte es einen haben hinter dem Hotel, bei der Tankstelle, meint sie achselzuckend. Angeschrieben war er allerdings zuvor nirgends. Immerhin hat die Frau für mein aktuelles Schrankenproblem eine Lösung in petto. Per Funk ruft sie zwei Angestellte, die mir helfen sollen. Ich bedanke mich und warte. Mit meiner Eskorte, die ich kurzerhand auf die Hälfte reduziere (ich brauche ja nicht zwei Männer, die mir das Ticket zur richtigen Zeit in den richtigen Schlitz stecken), mache ich mich auf den Weg Richtung Auto. Ob ich wohl wirklich bereits das letzte Mal hier war?
Der Film, den wir uns unbedingt anschauen wollen, läuft nur dort, im Erlebniscenter. Also überwinde ich mich und nehme einen zweiten Anlauf. Nun weiss ich ja, wo parkieren und hätte im Notfall sogar einige Freundinnen dabei. Insider sind wir dennoch nicht. Mit den über zehn Kinosälen sind wir ziemlich überfordert. Die Kinobillette haben wir rasch gelöst. Damit aber auch ich mit dem Rollstuhl zu den Kinosälen komme, brauche ich einen Badge (moderner Schlüssel) für den Lift. Diesen erhalte ich aber nur, wenn ich einen Ausweis als Pfand abgebe. Nach dem Kinoerlebnis geht es deshalb mit dem Lift zurück zur Kinokasse. Dort tausche ich wiederum Badge gegen Ausweis und fahre mit einem weiteren Lift zum Ausgang. Allen anderen Kinobesucherinnen und -besuchern bleibt dieser Umweg erspart.
Ich weiss nicht so recht, was ich von dieser Erfahrung im Erlebniscenter halten soll. Diskriminierung oder ein immerhin zugängliches Kino? Was ich weiss: Anders als die Erlebniscenter selbst, wurde diese Art von «Zugänglichkeit» jedenfalls nicht von Amerika kopiert. Denn dort sind sogar ältere Einkaufs- und Erlebniscenter vollständig behindertengerecht.
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