Blindenwelten

Wer im Behindertenwesen aktiv ist, den beschleicht zuweilen ein Unbehagen darüber, dass sich vieles nicht so schnell verändert, wie wir uns das manchmal wünschen würden. Erst wenn wir über ein paar Jahrzehnte zurückblicken, bemerken wir, wie gross die Unterschiede tatsächlich sind. Richard Lehner und Peter Müller nehmen uns mit auf einen Streifzug durch die 125-jährige Geschichte des Blinden- und Behindertenzentrum Bern.

Für Sie gelesen von Bettina Gruber

Im Blindenheim, wie es früher genannt wurde, haben einige blinde Menschen ihr ganzes Erwachsenenleben verbracht so wie der über 90-jährige Karl Staufenegger. Der erste Eindruck von Konstanz und Eintönigkeit wird aber schnell durchbrochen, wenn wir die Porträts der Menschen lesen. Wir erfahren, wie der blindgeborene Karl 1921 mit dreieinhalb Jahren in eine Blindenanstalt kam. Und wir staunen, wenn von jener Lehrerin berichtet wird, die ihre blinden Schützlinge an den Waldrand führte und sie dann den Heimweg allein suchen liess. Als Erwachsener kam Karl ins Blindenheim und in die Korbflechterei, nebst Sesselflicken und Bürstenmachen einer der traditionellen Blindenberufe in den Werkstätten. Nach der Einführung der IV wagte er den beruflichen Absprung und war der erste blinde Fabrikarbeiter bei Hasler. Grosse Freude bereitete ihm in der Freizeit das Wandern. Einmal hatte er sich in den Kopf gesetzt, allein mit seinem Blindenführhund vom Blindenheim bis ins Diemtigtal zu wandern. Beim zweiten Anlauf gelang es ihm. Ja, das klingt schon ein bisschen verwegen. Genau diese Mischung zwischen der Rückschau in vergangene Zeiten und der unmittelbaren Lebendigkeit der porträtieren Menschen macht die vorliegende Textsammlung zu einer spannenden Lektüre.

Weiter lernen wir Ruth Gschwind kennen, die aufgrund einer Zuckerkrankheit ihr Augenlicht verliert, ihre Anstellung als Kassierin aufgeben muss und nun als Stuhlflechterin arbeitet. Dann Susanne von Känel, die ihren 21-jährigen, blinden und mehrfach behinderten Sohn Yves in guten Händen weiss und sich freut, dass er in der Wohngruppe Freunde gefunden hat. Oder die blinde Margrit Boa, die es nach dem Verlust ihrer Telefonistinnenstelle in der Blindenwerkstätte versucht. Die Arbeiten dort erscheinen ihr aber zunehmend monoton, sodass sie schliesslich die Stelle in der Werkstätte aufgibt. Sie träumt von einem möglichst unabhängigen Leben, ist sich aber bewusst, dass selbständiges Wohnen nicht in Frage kommt, weil sie sich vor heissen Herdplatten fürchtet. Ihr Lieblingsstück ist ihr Computer, der ihr eine weite Welt eröffnet. Und schliesslich Beat Herren, der als Sozialarbeiter tätig ist und über einen minimalen Sehrest verfügt. Als Betroffenenvertreter setzt er sich im Vorstand des Blinden- und Behindertenzentrum Bern ein.

Nach diesen Porträts von Menschen, die heute mit dem Blinden- und Behindertenzentrum Bern zu tun haben, folgen auf wenigen Seiten kurze Erklärungen zu den Begriffen Sehbehindert, Blind, Behindert und Mehrfachbehindert sowie zu den häufigsten Augenerkrankungen.

Und nun kommt der geschichtliche Überblick. 1884 wurde der «Versorgungsverein für Blinde» gegründet. Er wollte zum einen Blinde betreuen, die aus der Blindenanstalt für Kinder und Jugendliche entlassen wurden und zum andern weitere Blinde im Kanton unterstützen. Beschäftigung und echte berufliche Tätigkeiten kamen später hinzu. Dass die Blinden aber nicht nur arme «Huscheli» waren, die sich gerne versorgen liessen, beweisen die Gründung des Bernischen Blindenverbandes 1911 kurz vor der Gründung der schweizerischen Organisation und die Protestaktion 1914, als einige Blinde vorübergehend auszogen, um gegen die Entlassung der Heimleiterin zu protestieren. Wegen der alten Räumlichkeiten und wegen Platzmangel wurden schliesslich Neubauten nötig, die ab 1930 und 1967 den Bewohnern und Werkstätten-Mitarbeitern zur Verfügung standen. Heute betreut das Blinden- und Behindertenzentrum Bern auch Blinde mit Mehrfachbehinderung und hat eine (Leichtpflege-)Abteilung für alte Menschen. Soweit ein Schnelldurchlauf.

Nach diesem textreichen Teil folgt eine Verschnaufpause, bei der auf zwölf Photo-Seiten Sehbehinderte und Blinde ihre Lieblingsplätze vorstellen. (Die Punktschrifterklärungen auf den Bildern haben allerdings mehr gestalterischen als tatsächlichen Lesewert.) Ergänzt werden sie durch eine Kürzestbeschreibung der Punktschrift nach Louis Braille. Die anschliessenden Anekdötchen aus 125 Jahren Blindenheim sind sehr amüsant.

Einen letzten Schwerpunkt bilden die historischen Porträts, die aufzeigen, wie blinde Menschen früher ihr Leben in- und ausserhalb des Blindenheims gemeistert haben. So erfahren wir etwas aus dem Leben der Samenhändlerin Elisabeth Widmer, des frühen Heimbewohners und Vogelliebhabers Ernst Engel, des blinden Hausierers Hans Bachofner, der die Erzeugnisse der Blindenwerkstätte verkaufte. Des weitern lernen wir Margrit Schaffner kennen, 1925 bis 1953 Sekretärin und Fürsorgerin des Bernischen Blindenfürsorgevereins und selbst sehbehindert. Zu guter Letzt begegnen wir Emil Spahr, dem Selbsthilfepionier, der als Blinder um 1910 Jura studierte.

Ein kurzes Glossar gibt schliesslich noch Erklärungen zu einigen Begriffen aus der Welt der Blinden und Sehbehinderten und zu Blinden-Organisationen.

Das vorliegende Buch liefert kurzweilige Lektüre und erinnert mich ein wenig an eine Schachtel mit alten Fotografien, die kunterbunt nebeneinander liegen. Die graphische Gestaltung lässt das Buch wohl bewusst etwas ältlich wirken. Für Sehbehinderte, die nicht die Audio-Version im Daisy-Format geniessen möchten sondern das geschriebene Exemplar, wird die Lektüre allerdings durch den gräulichen Druck und die Zitate, die nebst den Anführungsstrichen auch noch in kursiv geschrieben sind, ziemlich erschwert. Eine witzige Idee finde ich die Seitenzahlen, die wild verstreut auf die Seiten gesetzt sind, manchmal sogar mitten in ein Wort hineingepflanzt; Sehbehinderten ergeht es oft so, dass sie durch Einsatz von Phantasie eine mangelhafte optische Information vervollständigen müssen. Noch ein letzter Kritikpunkt: Ein Inhaltsverzeichnis hätte bei dieser Sammlung unterschiedlichster Elemente etwas einfacher zum Überblick verholfen. Nun aber genug der Mäkelei.

Das knapp 100-seitige Buch bietet Kennern der Berner Blindenszene ein kurzweiliges Wiedersehen mit einigen Bekannten und Jüngeren eine Begegnung mit Menschen, deren Namen sie wahrscheinlich schon einmal gehört haben. Aussenstehenden gewährt es einen Einblick in ein gutes Jahrhundert Geschichte blinder Menschen und ihrer Lebensumstände.

Richard Lehner/Peter Müller, Blindenwelten. 125 Jahre Blinden- und Behindertenzentrum Bern, Schwan-Verlag, 2009. ISBN: 978-3-9522628-3-2, Preis: CHF 25.--. Auch als Daisy-Hörbuch verfügbar. Im Buchhandel oder direkt beim Blinden- und Behindertenzentrum Bern, Neufeldstr. 95, 3012 Bern, Tel. 031 306 33 33, Fax 031 306 33 99, im Internet: www.b-bern.ch