Fünf Jahre BehiG: Eine Bilanz im öffentlichen Verkehr

Das BehiG hat die Entwicklung eines behindertengerechten öV in der Schweiz stark beschleunigt. In den vergangenen gut fünf Jahren wurden dabei grosse Fortschritte erzielt. Viele sind sicht- und erfahrbar, andere wirken sich erst später aus. Die Fachstelle hat ein enormes Arbeitspensum bewältigt und konnte viele Fortschritte und Verbesserungen bewirken. Zuweilen stösst sie aber auch auf grosse Widerstände. Eine Bilanz.

Von Beat Schweingruber, Leiter der Schweizerischen Fachstelle Barrierefreier öffentlicher Verkehr, BöV

Busverkehr

Hier sind die Fortschritte am deutlichsten sichtbar. Heute sind gegen 90% der Buslinien ganz oder teilweise rollstuhlgängig. In fünf Jahren sollte der Fahrzeugpark zu 100% rollstuhlgängig sein, mit Ausnahme einiger Trolleybuslinien. Im urbanen Bereich verfügen zahlreiche Fahrzeuge über zwei Rollstuhlplätze.

Mehr Arbeit geben uns (und den regionalen Bauberatungsstellen) die unzähligen projektierten Bushaltestellen. Immer wieder treffen wir auf zu niedrige Haltekanten und zu klein dimensionierte Manövrierflächen für den Rollstuhl. Das rührt auch daher, dass man es hier mit unzähligen kantonalen und kommunalen Regelungen und Instanzen zu tun hat. Künftig soll eine VSS-Norm diesen Bereich national einheitlich regeln. Nach Möglichkeit wirken wir auch daraufhin, dass die Manövrierflächen auch Rollstühle mit Vorhängemotor bzw. Elektroscooter berücksichtigen.

Schienenfahrzeuge

Im Bereich Schienenfahrzeuge ist bezüglich Rollstuhlgängigkeit vor allem der Regionalverkehr von Bedeutung. Dank zahlreichen Fahrzeugbeschaffungen in den letzten Jahren verfügen bereits heute rund 50% der Kompositionen über mindestens einen niveaugleichen Einstieg. (Teilweise müssen zur Spaltüberbrückung noch Schiebetritte nachgerüstet werden, wie bei der BLS.)

Die SBB sind diesbezüglich noch etwas im Rückstand. Mit den grossen laufenden Beschaffungsprojekten wird jedoch bis in fünf Jahren jede SBB-Komposition im Regionalverkehr rollstuhlgängig sein (ausgenommen Zusatzzüge in Spitzenzeiten). Auch bei den Privatbahnen dürfte bis 2014 zumindest im Halbstundentakt jeder Zug über einen Tiefeinstieg verfügen. Bei den Trams liegt der Anteil, je nach Stadt, heute zwischen 30 und 70%, in fünf Jahren zwischen 50 und 80%.

In den meisten Projekten wird die Fachstelle BöV erfreulicherweise so frühzeitig einbezogen, dass auch grundsätzliche Fragen noch diskutiert werden können. Das Prinzip der Zugänglichkeit für Fahrgäste im Rollstuhl wird zwar nirgends in Frage gestellt. Probleme tauchen aber oft da auf, wo es um die konkrete Einstiegssituation geht oder um die Qualität des Rollstuhlstellplatzes, insbesondere um dessen befriedigende Integration in den Fahrgastbereich.

Heikle Punkte sind bei allen Projekten die Haltestangenkonzepte sowie Anordnung und Ausgestaltung der Einrichtungen für die Fahrgastinformation.

Fahrgastinformation im Fahrzeug

Bei den akustischen Einrichtungen ist oft ein relativ hohes Niveau erreicht, aber es besteht noch wenig Wissen über die konkreten Anforderungen an die Sprachverständlichkeit insbesondere für Hörbehinderte. Derzeit laufen Studienaufträge zum Thema unter Beteiligung der Fachstelle BöV und des Bundesamts für Verkehr BAV. Relativ häufig werden wir auch darauf aufmerksam gemacht, dass bei Bahn- oder Busbetrieben noch immer keine Haltestellenansagen gemacht werden.

Im Bereich der optischen Anzeigen herrscht noch ein rechter Wildwuchs, namentlich was die Lesbarkeit von Anzeigen für Sehbehinderte und die Art der Darstellung betrifft. Im Bahnbereich konnten wir bessere Lösungen oft durchsetzen, weil wir hier auch in die Beschaffungsprojekte einbezogen sind. Bei Busbetrieben wurden wir bisher über den Einbau von Anzeigen meistens gar nicht informiert.

Immer häufiger kommen Bildschirme zum Einsatz. Hier soll das Projekt «FIS-Commun» des Verbands öffentlicher Verkehr VöV, finanziert vom BAV, bis Ende Jahr eine einheitliche Gestaltung vorgeben.

Fahrgastinformation am Fahrzeug

Die Aussenanzeigen an Fahrzeugen sind eines unserer grossen Sorgenkinder, sowohl im Bahn- wie im Busbereich. Die seitlichen Anzeigen, die gerade für Sehbehinderte von grosser Wichtigkeit sind, werden meistens irgendwo oben hinter die Fensterscheiben montiert. Dafür gibt es gute Gründe vor allem technischer Natur, aber diese Art der Montage führt dazu, dass sie von den meisten Sehbehinderten nicht gelesen werden können.

Wir von der Fachstelle versuchen regelmässig, diese Anzeigen auf Augenhöhe hinunter zu bringen, aber das scheitert ebenso regelmässig an technischen Randbedingungen und/oder am fehlenden Willen der Unternehmen. Verbindliche Vorschriften gibt es hier nicht. So versuchen wir jeweils, noch ein Optimum an Verbesserung zu erreichen.

Behindertengerechte Bahnhöfe

Die wesentliche Aufgabe ist die Anpassung der Perronanlagen auf die richtige Höhe für den niveaugleichen Einstieg und der stufenfreie Zugang. Beides sind kostspielige Vorhaben, deshalb sind die beschränkten Mittel hier das grösste Problem. Es bemühen sich immerhin alle Seiten darum, die knappen Mittel dort einzusetzen, wo sie den grössten Nutzen bringen.

Zahlreiche Bahnhöfe wurden mit taktilen Sicherheitslinien und Abgangsmarkierungen nachgerüstet. Dank intensiven Bemühungen der Fachstelle sind die Bildschirme mit den Zugsabfahrten immer häufiger auf der für Sehbehinderte tauglichen Höhe anzutreffen.

Kommunikationseinrichtungen

Von einheitlichen Standards für behindertengerechte Notruf- und Info-Einrichtungen sind wir immer noch weit entfernt. Da besteht noch grosser Handlungsbedarf, ebenso in den Bereichen blinden- und sehbehindertengerechte Fahrgastinformation sowie Türöffnung. Ein europäisches Projekt sollte hier die Standards definieren, doch fehlt dazu noch das nötige Geld.