Selbsthilfe ist ein wichtiger Teil des Kitts, der eine Gesellschaft zusammenhält. Was wie eine kühne Behauptung erscheint, ist nichts anderes als die Feststellung, dass Selbsthilfe eigentlich etwas Alltägliches ist. Die Mütter im Park reden miteinander über ihre Kinder, tauschen Erfahrungen aus, geben einander Hinweise und Tipps – Selbsthilfe, bloss wird sie nicht als solche erkannt oder ‹offiziell› deklariert. Die Arbeiterbewegung setzte sich ein für gerechtere Entlöhnung und bessere Arbeitsbedingungen. Auch der Rütlischwur ist eine der möglichen Formen von Selbsthilfe: Die Menschen wollten keinen König vor die Nase gesetzt bekommen, sondern direkt dem Kaiser verpflichtet sein. Und es nützte ja: Wir haben keine Monarchie.
Selbsthilfe wirkt unter anderem deshalb auf eine Gesellschaft positiv ein, weil Menschen mit gemeinsamen Erfahrungen, Können und Wissen oder Zielen sich zusammentun, um etwas zu bewirken. ‹Die Gesellschaft› an sich kann ja nicht handeln, sie ist etwas Abstraktes. Die Menschen, die ihr angehören, ‹machen› sie: Sitten und Gebräuche, moralische und ethische Regeln, Gesetze, Übereinkünfte, Benehmen, Wahrnehmung – alle tragen dazu bei. Selbst die Verweigerung von etwas als unsinnig Empfundenen kann zu Selbsthilfe führen: Das wollen wir so nicht mehr, wir versuchen etwas zu verändern.
Es ist seltsam, dass Selbsthilfe von recht vielen Leuten gar nicht als demokratische, partnerschaftliche und individuelle Kompetenzen fördernde Vorgehensweise wahrgenommen wird. Gewisse politische Kreise scheinen Solidarität für ein Schimpfwort zu halten und die wahren Bedürfnisse und Anliegen von Mitgliedern der Gesellschaft als vernachlässigbar. Am liebsten so schnell wie möglich abschaffen, und die Selbsthilfe von Behinderten-Organisationen erst recht. Etwas Grundlegendes vergessen diese sich so klug gebenden Köpfe jedoch nur zu gerne: Müsste das gesamtschweizerisch in Selbsthilfe investierte Engagement von Berufsleuten getan werden, würde das laut einer Studie rund 100 Millionen Franken kosten.
AGILE feiert in diesem Jahr ganz im Stillen das 60jährige Bestehen. Viel hat sich verändert in diesen vergangenen Jahrzehnten, politisch, sozial, gesellschaftlich. Etwas war, ist und bleibt gleich: Eine von den Mitglied-Organisationen gut getragene und starke Dach-Organisation bietet die beste Garantie, dass Menschen, die mit einer Behinderung leben, zu ihrem Recht kommen.
Maria Gessler
Vorstandsmitglied AGILE Behinderten-Selbsthilfe Schweiz
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