Sich selber zu helfen, allein oder mit Unterstützung, gehört seit jeher zum menschlichen Wesen. Die organisierte Selbsthilfe geht zurück bis in die Anfänge der Industriegesellschaft, und ihre Geschichte ist geprägt vom sozialen Wandel. Ein Blick zurück. Ein Blick in die Zukunft.
Von Carmen Rahm, Geschäftsleiterin Stiftung KOSCH, Koordination und Förderung von Selbsthilfegruppen in der Schweiz
Das von Braun und Opielka 1992 im Kohlhammer-Verlag veröffentlichte Werk «Selbsthilfeförderung durch Selbsthilfekontaktstellen» skizziert die Entwicklung der Selbsthilfe in drei Phasen:
In den Anfängen der Industriegesellschaft führte die materielle und existentielle Notlage zu einer weit reichenden Auflösung von traditionellen Gemeinschaftsverbindungen. In der Folge entstand eine sogenannte «sozialökonomische Selbsthilfe»: Menschen organisierten sich einerseits für den Aufbau von karitativen Hilfsvereinen, anderseits in solidarischen Hilfssystemen wie Genossenschaften und Gewerkschaften.
In der zweiten Phase entwickelte sich die sozialpolitische Selbsthilfe, zu deren Vertretern zum Beispiel der Gehörlosenverein in Bern (Gründungsjahr 1894), der Schweizerische Blindenverband (Gründungsjahr 1911), oder ab den dreissiger Jahren der schweizerische Invalidenverband gehörten.
Die Selbsthilfeentwicklung der dritten Phase begründete die moderne Selbsthilfe bzw. Selbsthilfeunterstützung. Der gestiegene Wohlstand ermöglichte nun allen Bürgerinnen und Bürgern den Zugang zu sozialstaatlichen Leistungen. Um sich im Dschungel des Gesundheits- und Sozialwesens zurechtzufinden, schlossen sich Hilfesuchende in lokalen Selbsthilfegruppen zu Gesprächs- und Handlungsgemeinschaften zusammen. Die vielfältigen Formen der «sozial-gemeinschaftlichen Selbsthilfe» – später auch als «Alternativ-Szene» betitelt – hatten ihre Blütezeit in den 1970er und 1980er Jahren. Das professionelle Versorgungssystem begegnete diesem Aufschwung anfangs mit grosser Skepsis bis Ablehnung. Man befürchtete eine «Billigkonkurrenz» zu den traditionellen Versorgungsstrukturen. Bald jedoch setzte sich die Erkenntnis durch, dass Selbsthilfegruppen mit professioneller Förderung durch Kontaktstellen und Selbsthilfeorganisationen erfolgreiche Arbeit zu leisten im Stande sind. Die Akteure der Selbsthilfeförderung haben die alternative Ecke verlassen und sind heute als professioneller Partner wahrgenommen und anerkannt.
Im Laufe der letzten zwanzig Jahre hat es sich erwiesen, dass Selbsthilfegruppen sich besser und nachhaltiger etablieren, wenn sie von professionell geführten Kontaktstellen Beratung und Unterstützung erhalten. Die Mitarbeitenden der Kontaktstellen unterstützen Menschen, damit sie eigenverantwortlich für ihre Belange nach Lösungsmöglichkeiten suchen und diese in Handeln umsetzen können. Zu den zentralen Funktionen einer Kontaktstelle gehören neben der Beratung von Einzelnen und Gruppen die Förderung der Selbsthilfegruppen, die Unterstützung bei Gruppenbildungen, die Promotion der Selbsthilfe-Idee und die Verbindung von Selbsthilfegruppen mit professionellen Hilfsangeboten. Heute setzen sich in 15 Kantonen 20 Kontaktstellen für die Selbsthilfegruppen ein.
Vor mehr als zehn Jahren gründete eine Interessengemeinschaft der Kontaktstellen die schweizerische Dachorganisation der regionalen Kontaktstellen – die Stiftung KOSCH.
Die Stiftung KOSCH bezweckt die Förderung der Selbsthilfe und koordiniert die Vernetzung der regionalen Kontaktstellen für Selbsthilfe in der Schweiz. Sie betreibt eine nationale und internationale Anlauf- und Informationsstelle für die Selbsthilfe, regt Forschungsprojekte an und bildet die Schnittstelle zwischen den regionalen Kontaktstellen und dem Bundesamt für Sozialversicherungen. Die Stiftung KOSCH setzt sich mit parlamentarischem Lobbying und Teilnahme in politischen Gremien für die gesetzliche Verankerung der Selbsthilfeförderung ein. Im inzwischen vom Nationalrat verabschiedeten Präventionsgesetz ist die Förderung von Selbsthilfegruppen explizit verankert.
Die Stiftung KOSCH und die Kontaktstellen sind die Organisationen, welche sich für Selbsthilfegruppen zu jeglichen Themen einsetzen. In der Schweiz gibt es heute rund 2000 Selbsthilfegruppen zu 450 Bereichen.
Längst belegen Studien, dass Mitglieder von Selbsthilfegruppen den Umgang mit einer Krankheit etwa bewusst und eigenverantwortlich anpacken. Dies kann auch zu reduziertem Medikamentengebrauch oder weniger Behandlungen führen und somit die Kosten im Gesundheitswesen beeinflussen. Würden die rund 2000 Selbsthilfegruppen in der Schweiz professionell geleitet, würde dies Kosten im dreistelligen Millionenbereich verursachen.
Im Wissen darum, dass die Selbsthilfe in Gruppen einen nachhaltigen positiven Einfluss auf die Gesundheit und auf den Heilungsprozess hat, steht die Förderung der Selbsthilfegruppen auch weiterhin vor grossen Herausforderungen. So muss zum Beispiel auf der politischen Ebene das nationale Präventionsgesetz rasch auch vom Ständerat verabschiedet und effektiv umgesetzt werden. In den Kantonen soll die Förderung von Selbsthilfegruppen in die Verfassung aufgenommen werden, wie es zum Beispiel im Kanton Basel-Stadt seit 2005 bereits der Fall ist. Krankenkassen und professionelle Dienste müssen ihre Klienten und Patienten vermehrt über den Sinn und Zweck von Selbsthilfegruppen informieren.
Die gesellschaftliche Anerkennung der Selbsthilfe ist eine weitere Herausforderung. Die Selbsthilfegruppen sollen nicht länger als sogenannte Jammerclubs belächelt werden, sondern als Institution anerkannt sein, welche Menschen darin unterstützt, Selbstvertrauen und Kraft zurückzugewinnen und das Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen.
Ziel ist es, dass künftig die Teilnahme an einer Selbsthilfegruppe von Gesellschaft und Politik ebenso selbstverständlich anerkannt ist wie der Besuch des Hausarztes.
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