Die schulische Integration hat in der Schweiz grosse Fortschritte gemacht. Vielerorts sitzen behinderte und nicht-behinderte Kinder in den gleichen Schulzimmern. Trotzdem sind vertiefte Informationen und Beratung für Eltern, Lehrpersonen und Schulbehörden dringend nötig.
In der Schweiz sitzen immer mehr Kinder mit Behinderung zusammen mit nichtbehinderten Kindern in den gleichen Schulbänken. Die schulische Integration hat in den letzten Jahren grosse Fortschritte gemacht und ist vielerorts eine gelebte Realität. Gerade aufgrund dieser Entwicklung stellen die Behindertenorganisationen Procap, insieme und Pro Infirmis aber einen erhöhten Informations- und Beratungsbedarf bei Eltern, Lehrpersonen und Schulbehörden fest. Sie fordern deshalb einen Ausbau der Integrations- und Koordinationsstellen auf kantonaler Ebene, eine schweizweite Vereinheitlichung der Rahmenbedingungen für die schulische Integration und ein klares Bekenntnis zum Grundrecht auf Bildung für alle.
Integration von Kindern mit Behinderung ist an der Schule in Menzingen (ZG) schon längst kein Fremdwort mehr. Dort werden Schüler/-innen mit den unterschiedlichsten Behinderungen in die bestehenden Regelklassen eingegliedert. Zurzeit wird in 5 der 30 Klassen integrativ geschult. Die Erfahrungen sind gemäss Rektor Pascal Jahn sehr positiv: «Von der Integration profitieren letztlich alle – nicht nur die Kinder mit Behinderung.» Für die einzelnen Lehrer/-innen sei der integrative Unterricht allerdings anspruchsvoll und sie müssten auf die Unterstützung von sonderpädagogisch geschulten Lehrkräften zählen können, die sie fachlich beraten und auch entlasten können.
Hier setzen auch die Informationsarbeit von insieme, der Selbsthilfeorganisation der Eltern von Kindern mit einer geistigen Behinderung, an. «Schlechte Integrationsbeispiele, falsche Vorstellungen und ungenügende Informationen haben zu einer grossen Verunsicherung geführt», erklärt Walter Bernet, Zentralpräsident insieme Schweiz. Deshalb hat insieme diesen Herbst neue Informationsblätter für Eltern, Lehrpersonen und Behörden publiziert, in denen die wichtigsten Fragen zur schulischen Integration beantwortet werden. «Wir wollen damit Informationslücken schliessen, Missverständnisse klären und Wege ebnen», ergänzt Bernet. Denn: «Aus den gelungenen Integrationen lässt sich sicher eines lernen: Umfassende Information und klare Kommunikation gehören zu den wichtigsten Bedingungen.»
Ähnlich ist die Erfahrung von Martin Boltshauser, Leiter des Rechtsdienstes der Selbsthilfeorganisation Procap: «Wir werden zunehmend mit Beratungsanfragen von Eltern konfrontiert.» Es sei aber fast nicht möglich, einfach Standardlösungen zu präsentieren, da aufgrund der neuen Aufgabenverteilung zwischen Bund und Kantonen die schulische Integration Sache der einzelnen Kantone sei. «Wir haben schweizweit 26 verschiedene Modelle, wie die schulische Integration umgesetzt und finanziert wird.» Hinzu kommt, dass je nach Behinderung des Kindes spezielle Massnahmen ergriffen werden müssen. «Die Integration funktioniert nur dann, wenn bei der Suche nach Lösungen die Eltern, die Lehrpersonen und die Behörden einbezogen werden. Die Lösung muss am Schluss ja denBedürfnissen des Kindes gerecht werden können», stellt Boltshauser fest.
Für Esther Lüthi, Geschäftsleiterin der Pro Infirmis Zürich, sind die bisherigen Erfahrungen mit der schulischen Integration ermutigend. «Wie wir aber aus der Beratungspraxis wissen, ist die Integration in die Regelschule für alle Beteiligten ein interessanter, lehrreicher und gewinnender Weg, der aber auch mit einigen Herausforderungen und Hindernissen gespickt ist», erklärt Lüthi. Es brauche nach wie vor von allen Beteiligten, ganz besonders von den Eltern, viel Engagement, Überzeugung und Durchhaltewille. Es ist daher wichtig, dass die betroffenen Eltern von Fachorganisationen wie Pro Infirmis bei Bedarf die notwendige Hilfe und Unterstützung erhalten. Auch bietet Pro Infirmis den Eltern und Schulen die Begleitung des Integrationsprozess an («Case Management»). Pro Infirmis Zürich hat zudem ein eigenes Projekt lanciert und stellt allen Beteiligten ihr Fachwissen mit behindertenspezifischen Sachinformationen und die Beratung zur Verfügung.
Aufgrund ihrer bisherigen Erfahrung und Praxis formulieren Procap, insieme und Pro Infirmis allerdings drei Forderungen, um die schulische Integration in der Schweiz wirksamer zu fördern und zu unterstützen:
1994 wurde an einer Unesco-Weltkonferenz im spanischen Salamanca eine «Erklärung über Prinzipien, Politik und Praxis in der Pädagogik für besondere Bedürfnisse» verabschiedet. Darin wurden die Behörden aufgefordert auf eine «Schule für alle» hinzuarbeiten und die Integration von Kindern mit Behinderung in die Regelschule gezielt voranzutreiben. Mehr dazu ...
Während vom 21. bis 23. Oktober 2009 in Salamanca eine internationale Tagung unter dem Titel «Return to Salamanca – Global Conference on Inclusive Education» eine Bilanz zieht, nehmen die drei Behindertenorganisationen Procap, insieme und Pro Infirmis die Gelegenheit wahr, eine Standortbestimmung zum Thema schulische Integration in der Schweiz vornehmen: Wie wird die Integration umgesetzt? Wo gibt es Probleme oder Schwierigkeiten? Wie können betroffene Eltern, Lehrpersonen und Behörden konkret beraten und unterstützt werden?
Für Rückfragen:
Bruno Schmucki, Mediensprecher Procap, Telefon 079 647 01 03
Medienkonferenz Procap, Insieme und Pro Infirmis zur schulischen Integration von Kindern mit Behinderung vom 23.Oktober in Bern
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