Die Weiterbildung «Politische Selbstvertretung von Menschen mit Behinderung» ist Ende Oktober gestartet. Michael Vogt ist Dozent beim E-Learning-Projekt, lanciert von AGILE in Zusammenarbeit mit der Fachhochschule Nordwestschweiz. Der 39jährige ist ausgebildeter Applikationsentwickler und Berufsmusiker. Seit kurzem arbeitet er in der Interessenvertretung des Schweizerischen Blinden- und Sehbehindertenverbands. Vogt ist durch eine Retinitis Pigmentosa erblindet.?Eva Aeschimann hat ihn interviewt.
Michael Vogt, Sie engagieren sich als Dozent beim E-Learning Pilotprojekt von AGILE, weshalb?
Nun, ich empfinde es als eine ganz gute Möglichkeit, motivierten Menschen mit Behinderung Werkzeuge in die Hand zu geben, mit denen sie nach der Ausbildung in der Lage sind, Dinge zu bewegen.
Es scheint mir sehr wichtig, die Selbstvertretung Betroffener – nicht nur im politischen Sinne – enorm zu etablieren. Auch wenn an diesem Projekt nur ein ganz kleiner Anteil Betroffener mitwirken kann, werden diese Menschen während und nach der Weiterbildung anderen Betroffenen und der Welt zeigen können, wie das funktioniert und ganz bestimmt auch andere Betroffene motivieren.
Für mich selbst ist es schlicht an der Zeit, meine beruflichen und gesellschaftlichen Erfahrungen im Behindertenwesen einzubringen. Dieses innovative und visionäre Pilotprojekt scheint mir genau das Richtige hierfür zu sein.
Weshalb sollen sich Menschen mit Behinderung politisch selbst vertreten?
Viele Betroffene und selbst Organisationen haben das Gefühl, Gesellschaft, Politik und Wirtschaft müssen sich ändern. Wie um alles in der Welt soll das funktionieren, wenn sich ein grosser Teil behinderter Menschen aus Gesellschaft, Politik und Wirtschaft zurückzieht und nicht am «normalen» gesellschaftlichen Leben teilnimmt?
Die Resignation und Frustration vor lauter Fremdbestimmung ist so gross, dass die Welt kaum erfährt, was die wirklichen Probleme sind und was zu tun ist. Deshalb sind nicht nur ein selbst bestimmtes Leben und politische Selbstvertretung wichtig, sondern ganz generell die Selbstvertretung von Bedürfnissen, Anliegen und allem, was Betroffene bewegt. Die politische Selbstvertretung kann erst dann funktionieren, wenn Betroffene sich grundsätzlich selbst vertreten können und das ist leider noch viel zu selten der Fall.
Natürlich liegt es mir fern, alle Menschen mit Behinderung in einen Topf zu werfen. Es ist einfach sehr wichtig, dass wir uns als Menschen mit Behinderungen gegen aussen so zeigen, dass wir auch ernst genommen werden. Dieses «Image» ist noch nicht so, wie es sein könnte. Und genau hier kann die politische Selbstvertretung enorm viel bewirken.
Was sollen die TeilnehmerInnen dieser Weiterbildung lernen?
Die Teilnehmenden sollen Werkzeuge in die Hand bekommen, um selbstständig und überzeugend in politischen aber auch wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umfeldern Anliegen anzubringen. Nicht nur die Planung und Platzierung von Anliegen, sondern auch die Koordination und die eigentliche Realisierung sollen einen wichtigen Stellenwert haben.
Sie leben selbst mit Behinderung und setzen sich für politische Selbstvertretung von Menschen mit Behinderung ein. Ist Ihre Behinderung dafür ein Vorteil?
Je nach Betrachtungsweise. Ein Vorteil ist ganz bestimmt, dass ich mit meiner Behinderung ganz genau weiss, wie mein Leben und mein Umfeld funktionieren und ich der Welt auch zeigen kann, wie etwas funktionieren sollte oder eben aufgrund der Behinderung nicht funktionieren kann.
Als Nachteil erlebe ich die Behinderung, wenn ich erwarte, dass im Jahre 2009 Menschen mit Behinderung mitten in der «normalen» Gesellschaft leben sollten und beide «Seiten» längst zu einer einzigen Gesellschaft hätten verschmelzen sollen. So, dass es gar nicht mehr nötig wäre, zu zeigen, welche Probleme wegen meiner Behinderung entstehen.
Diese Weiterbildung setzt auf die Methode des E-Learning, steht dies nicht in Widerspruch zu Ihrem Handicap als Sehbehinderter?
Nein, überhaupt nicht. Computer sind inzwischen sehr gut bedienbar, selbst für mich als blinder Mensch. Es gibt sogar bereiche, wo blinde Menschen Computer effizienter bedienen als der sehende «Mausklicker».
Was wünschen Sie dem Pilot «Politische Selbstvertretung von Menschen mit Behinderung»?
Dass der erfolgreiche Verlauf dieses visionären Projekts beispielhaft vorangeht. In der Schweiz einzigartig, gewissermassen pionierhaft, wünsche ich, dass dieses Projekt Schule macht und Politik, Wirtschaft aber auch Gesellschaft von den Resultaten Kenntnis nehmen.
Dann wünsche ich mir natürlich, dass jeder und jede Teilnehmende sein und ihr Projekt erfolgreich umsetzen kann und bereits nach der Weiterbildung erste Erfolge sichtbar werden.
Michael Vogt, besten Dank für das Gespräch und viel Erfolg.
Weitere Informationen finden Sie unter:
http://www.selbstvertretung-behindertenpolitik.ch
Suche