Wo bleiben die Jungen?

AGILE lenkt den Blick an ihrem 60. Geburtstag auf die Nachwuchsförderung. Das Dach der Behinderten-Selbsthilfe hat die Soziologin Ruth Gurny mit einer Studie zu Nachwuchsproblemen in Behindertenorganisationen beauftragt. Der Bericht zur Studie mit dem Titel «Mobilisieren, Mitarbeiten, Mitwirken, Mitbestimmen» wurde an der PräsidentInnenkonferenz 2011 vorgestellt. Hier folgt eine Kurzfassung der Studienresultate.

Von Prof. Dr. Ruth Gurny, Soziologin und Präsidentin Denknetz

Stille Seufzer, leises Klagen oder lauter Hilferuf: Viele Verantwortliche in der Selbsthilfeszene machen sich Sorgen um den Nachwuchs. Die Mitgliedschaft wird älter und älter und es ist oft nicht einfach, jüngere Leute für die Arbeit in den Vorständen zu finden. Anlass genug, sich ein paar Fragen zu stellen. Sind es die existierenden Strukturen, die für Junge eher einen abweisenden Charakter haben? Oder haben junge Menschen, die mit einer Behinderung leben, Organisations- und Mobilisierungswünsche jenseits behinderungsbezogener Themen? Oder sind vor allem gesamtgesellschaftliche «Megatrends» wirksam, die ganz allgemein wirken und nichts mit der Selbsthilfe und ihren Strukturen zu tun haben?

Studie «Mobilisieren, Mitarbeiten, Mitwirken, Mitbestimmen»

AGILE wollte es etwas genauer wissen: Insgesamt 15 Verantwortliche verschiedener Selbsthilfeorganisationen wurden zu ihrer Sicht der Dinge befragt. Zusätzlich wurde empirisches Material aus dem In- und Ausland beigezogen, das für die Erhellung der Fragestellung nützlich war.

Als erstes wurde der Frage nachgegangen, wie es denn um das freiwillige Engagement der Menschen steht, im speziellen bei den Jungen und in Bezug auf die Selbsthilfe. Es zeigt sich, dass in der Schweiz (wie auch im umliegenden Ausland) das freiwillige Engagement im Verlauf des letzten Jahrzehnts nicht abgenommen hat, auch nicht bei den Jungen. Was sich aber sehr wohl verändert hat, sind die Motive für die Freiwilligenarbeit: Waren es früher Pflichterfüllung und Helfen, treten nun Gestaltungswille und Selbstverwirklichung in den Vordergrund, «Spass an der Tätigkeit» und «Zusammen mit anderen etwas bewegen» sind Spitzenreiter bei den Motiven. Im Rahmen der Freiwilligenarbeit die eigenen Probleme an die Hand nehmen, ist nur für relativ wenige von Bedeutung. In der veränderten Motivationsstruktur der Individuen liegt also ein erstes wichtiges Element vor, das die Selbsthilfebewegung zur Kenntnis nehmen muss!

Ebenso wichtig ist aber die Frage, ob allenfalls gewisse Merkmale der Selbsthilfeorganisationen dafür verantwortlich sind, dass das freiwillige Engagement von jüngeren Menschen nicht so leicht «angezapft» werden kann. Dazu gehört an vorderster Stelle die Frage, welche Ziele und Tätigkeitsfelder die Organisation verfolgt. Stehen eher innenorientierte Ziele (Information und Unterstützung für die Mitglieder und die gemeinsame Freizeitgestaltung) im Vordergrund, mit anderen Worten die Selbsthilfe im engeren Sinn, sind die Mitglieder direkt und aktiv in die Aktivitäten einbezogen. Je stärker dagegen aussenorientierte Ziele dominieren und die breite (politische) Öffentlichkeit das Zielpublikum darstellt, umso stärker tendiert die Organisation dazu, sich zu professionalisieren, und den Mitgliedern kommt eine entsprechend weniger aktive Rolle zu. Das ist auch der Fall, wenn die Organisation im Laufe ihres Bestehens sich mehr und mehr darauf konzentriert, ihren Mitgliedern Dienstleistungen (Ferienangebote, Lager, Reiseverbilligungen aller Art, Transportgelegenheiten, Notfallplatzierungen usw.) anzubieten.

Neben den Zielen der Organisation spielen noch andere Merkmale eine Rolle, wenn es darum geht, Mitglieder zu gewinnen und zum Bleiben zu motivieren. Es zeigt sich, dass Junge eher motiviert sind, an peerorientierten bewegungsnahen Organisationen teilzunehmen, wo sie relativ viel Spielraum haben und ihnen wenig institutionalisierte Tätigkeiten abverlangt werden, dafür aber grosses Gewicht auf die Projektarbeit gelegt wird. Die Pionierorganisationen dagegen ziehen Mitglieder an, die sich und ihr Anliegen durch den charismatischen Pionier vertreten sehen wollen, selbst aber keine herausragende Rolle spielen wollen. Das ist vor allem der Fall bei Anliegen, die noch um ihre gesellschaftliche Akzeptanz kämpfen müssen. Rollen und Aufgaben werden stark durch den Pionier vorgegeben, an ihm (ihr) hängt das «Schicksal» der Organisation. Und bei Dienstleistungsorganisationen ergibt sich eine Passung mit Mitgliedern, die sich hauptsächlich für die angebotenen Dienstleistungen interessieren und weniger an Eigenaktivitäten in und für die Organisation. Die Rolle der Mitglieder besteht in der Teilnahme an den Angeboten, die von den Profis konzipiert werden, oft unter tatkräftiger Mithilfe aussenstehender Freiwilliger, die sich punktuell für solche Aufgaben engagieren.

Verantwortungsübernahme schafft Identifikation

Im Rahmen der vorliegenden Arbeit wurde auch mit VertreterInnen von Organisationen gesprochen, die nicht zur Behindertenselbsthilfe zugerechnet werden können, im weiteren Sinn aber Selbsthilfeorganisationen darstellen und sich ebenfalls intensiv mit der Frage der Mobilisierung von Jungen und mit dem Nachwuchsproblem auseinandersetzen. Eine gute Mischung zwischen Bildungsarbeit, Medienarbeit und Aktion ist matchentscheidend: Bildung und Spass, Kollegialität und Party müssen verbunden werden mit guten Aussenauftritten, in denen die Forderungen an die Gesellschaft resp. ihre Institutionen sichtbar werden. Entgegen der «üblichen» Praxis wird also eine intensive Verbindung zwischen der Innen- und der Aussenorientierung angestrebt und offenbar auch gefunden – hier sind sicher Anregungen zu finden!

Ein Leitmotiv in den Gesprächen ist die Betonung der aktivierenden, partizipativen Erfahrungen in den peer-orientierten Gruppen. Entgegen der landläufigen Meinung, die Jungen wollten eh keine Verantwortung übernehmen, wird reihum darauf hingewiesen, dass gerade die Verantwortungsübernahme zentral ist, um Identifikation zu schaffen. Dabei ist indes die Themenwahl, für die sich die Organisation engagiert, von grosser Relevanz. Von oben gesetzte Themen sind zum vornherein zum Scheitern verurteilt, werden als paternalistische Zuschreibung von Betroffenheit erlebt.

Inputs für weitere Auseinandersetzung

Angesichts der grossen Heterogenität der Organisationen, die unter dem Dach von AGILE vereint sind, ist ein einheitliches Fazit nicht nur schwierig, sondern mit Sicherheit auch falsch. Die folgenden Punkte sollen deshalb als Anregungen für die weitere Diskussion verstanden werden und nicht als Rezepte, wie die Behindertenselbsthilfe sich ihren Nachwuchs sichern soll.