Menschenrechte – Integration – Inklusion

Wir Schweizerinnen und Schweizer haben einigen Nachholbedarf, was dieses Thema betrifft. Immer noch warten wir auf die Annahme der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen durch unser Parlament. Was in Deutschland, Österreich und anderswo ins Rollen gekommen ist, zeigt das vorliegende Buch facettenreich auf.

Für Sie gelesen von Bettina Gruber

Lassen Sie sich vom nüchternen Titel nicht abschrecken! Oder gehören Sie zu denen, die er richtig neugierig gemacht hat? Den Leser und die Leserin erwartet jedenfalls auf den knapp 260 Seiten eine bunte Vielfalt von Beiträgen zu inklusiver Gesellschaft, zu Schule und Forschung sowie zu konkreten Projekten, die sich auf den Index für Inklusion stützen. In den 29 Beiträgen, welche die Herausgeber zusammengetragen haben, wird jeweils auf wenigen Seiten ein Ausschnitt aus dem weiten Feld der Inklusions-Thematik beleuchtet. Somit handelt es sich um ein Buch, das sich genau so gut in kleinen Häppchen lesen lässt.

Den Anfang bilden zwei Beiträge zur erwähnten UN-Konvention. Sie befassen sich mit der Entstehungsgeschichte der Konvention und ihren Inhalten sowie ihrer Bedeutung für Schule und Forschung.

Der zweite Teil behandelt Aspekte inklusiver Gesellschaft. Besonders interessant fand ich den Beitrag zur politischen Teilhabe von Menschen mit Lernschwierigkeiten oder jenen über die Behinderungen und Ressourcen im Sozialraum, d.h. im Lebensraum, in welchem sich Menschen bewegen (können sollten).

Der dritte Teil legt den Fokus auf die Schule. Welche Herausforderungen stellen sich der Schule, damit sie zur inklusiven Schule wird? Auch hier seien nur einige Themen kurz erwähnt. Spannend war zu lesen, wie sich Differenz als dominantes Element im Unterrichtsalltag konstruiert. Nachdenklich gestimmt hat mich der Beitrag zu «School Accountability» (vergleichende Bewertung von Schulen aufgrund der Leistungen ihrer Schüler) und den Gefahren, die solche Programme für sogenannt lernschwache Schüler beinhalten. Oft werden dabei die Leistungen der schwachen Schüler gar nicht erfasst, sodass sie im Schulsystem unsichtbar gemacht werden. Beeindruckend war der Blick nach Burkina Faso, wo Schule längst nicht für alle Kinder zugänglich ist. Wie kann in einem solch schwierigen Umfeld auf inklusive Schule hingearbeitet werden?

Im Bereich der inklusiven Forschung wird von der Erfahrung mit inklusiven Seminaren an der Uni Wien berichtet. Und es wird der Frage nachgegangen, welche Kriterien erfüllt sein müssen, damit überhaupt von inklusiver Forschung die Rede sein kann. Es kann nämlich nicht darum gehen, dass Behinderte in einen vorbestimmten Forschungsrahmen irgendwie miteinbezogen werden. Inklusion kann nur da als eingelöst betrachtet werden, wo behinderte Menschen auch bei der Wahl des Forschungsgegenstandes und der Methoden beteiligt sind.

Den letzten Schwerpunkt stellen zehn Beiträge über das Arbeiten mit dem Index für Inklusion dar. Dieses Instrument zur Selbstbeurteilung von Schulen auf ihre Ausrichtung auf Inklusion hin ist seit 2003 in deutscher Sprache verfügbar. Erfahrungsberichte über das Arbeiten mit dieser Evaluationshilfe aus Wiener Neudorf, Schleswig-Holstein oder Sachsen-Anhalt, um nur einige zu nennen, zeigen auf, welche Schritte ein Schulhaus, eine Stadt oder eine ganze Region auf dem Weg zur Schule oder Kindertagesstätte für alle gegangen sind und wie sich dieser Prozess gestaltet. Auch wenn diese Beiträge, die von Organisationsformen und Entwicklungsschritten handeln, dem Leser, der Leserin einiges an Stehvermögen abverlangen, so ist doch in allen die Freude über das Erreichte und die feste Überzeugung stets spürbar, mit der Ausrichtung auf Inklusion auf dem richtigen Weg zu sein.

Das Buch schliesst mit der Kurzvorstellung der Internet-Dokumentationsstelle bidok.

Selten habe ich ein so vielseitiges Buch gelesen. Da ist es verkraftbar, wenn der eine oder andere Beitrag von seiner fachspezifischen Sprache her nicht ganz so leicht zugänglich ist. Als hilfreich für das Verständnis der Texte erwies sich jeweils die Zusammenfassung des folgenden Beitrags in einfacher Sprache. Auch Menschen, die sich auf ihre sprachliche Gewandtheit etwas einbilden, sollten es sich nicht verkneifen, diese Kürzestfassungen zu lesen. Denn wie so oft bei Fragen der Zugänglichkeit: was für die einen eine Notwendigkeit darstellt, ist für andere ein Komfort-Gewinn. Auf alle Fälle zur Nachahmung empfohlen.

Petra Flieger, Volker Schönwiese (Hrsg.), Menschenrechte – Integration – Inklusion. Aktuelle Perspektiven aus der Forschung, Verlag Klinkhardt, 2011. ISBN: 978?3?7815?1793?6, Preis: CHF 28.50.