Die Presse hat die Botschaft der IV-Revision 6a begriffen. Sie hat zahlreiche Berichte von Betroffenen und Beispiele von Wiedereingliederung von Menschen mit Behinderung veröffentlicht. Beim Lesen dieser Artikel ergeben sich verschiedene Fragen: Über wen schreiben die Medien? Wovon ist die Rede? Der Versuch einer Antwort.
Von Catherine Corbaz, Verantwortliche für das Dossier berufliche Integration, AGILE
Die Debatten über die IV-Revision 6a in den beiden Räten und die Zielsetzungen im Bereich der beruflichen Integration haben grosse Beachtung in den Medien gefunden. Das ist gut so. Die Leserinnen und Leser erfahren auf diese Weise, dass Menschen mit Behinderung Arbeit finden und Unternehmen gründen oder dass Case Management ein gutes Instrument ist und Wiedereingliederung fördert.
In den Artikeln aus Deutsch- und Westschweizer Medien liest man Geschichten über verunfallte, amputierte Personen, Menschen im Rollstuhl oder Blinde. Man erfährt von erfolgreichen Beispielen von Case Management in mittelgrossen und grossen Unternehmen. Man lernt Stiftungen kennen, die geschützte Werkstätten führen, von denen einige wenige Angestellte im ersten Arbeitsmarkt eine Stelle finden. Und man liest von Geschichten mit Happy End in einigen Sozialfirmen.
Passende Belege für Integration auf dem Arbeitsmarkt: Die Journalisten haben positive Beispiele gesucht und damit die These bestätigt, dass mit dem Inkrafttreten der IV-Revision 6a ein Grossteil der rund 17'000 IV-Rentnerinnen und -rentner eine Arbeit finden wird.
Bloss: Unter den 17'000 künftigen Ex-Rentnerinnen und -rentnern ist aber ein nicht unwesentlicher Anteil weder verunfallt, noch blind, noch auf den Rollstuhl angewiesen. Insbesondere 4500 von ihnen erhielten eine Rente aufgrund von pathogenetisch-ätiologisch unklaren Beschwerdebildern, diese Renten werden nun gestrichen (vgl. Schlussbestimmungen des künftigen Gesetzes). Es handelt sich um Personen mit somatoformen Schmerzstörungen, Fibromyalgien, Neurasthenie und anderen psychischen Störungen mit wenig geläufigen Bezeichnungen.
Was steckt also hinter diesen Begriffen? Die Schweizerische Gesellschaft für Verhaltens- und Kognitive Therapie spricht von somatoformen Störungen, «wenn ein körperliches Symptom nicht oder nicht ausreichend durch eine organische Ursache erklärt werden kann. Wenn somatoforme Symptome über einen längeren Zeitraum (d.h. über sechs Monate) auftreten und so stark sind, dass es zu beträchtlichen Beeinträchtigungen der Lebensqualität und der Leistungsfähigkeit kommt.» (Quelle: Schweizerische Gesellschaft für Verhaltens- und Kognitive Therapie). Dazu gehören also Fibromyalgien, das Chronische Erschöpfungssyndrom etc. Ich höre hier auf, da jeder Begriff Erklärungen erfordert, ohne die der Leser dieses Artikels nicht weiterkommt.
Die psychischen, unsichtbaren Behinderungen sind es, die man nicht gut versteht und die Zweifel erzeugen. Bei solchen Behinderungen tauchen unweigerlich Vorurteile auf: «Wenn er sich nur Mühe gibt, schafft er es schon», «Tut es ihm wirklich weh?». Behinderungen ohne externe Ursachen, aber mit sonderbar klingenden Diagnosen. Behinderungen, die die meisten von uns nicht verstehen.
Die Journalistinnen und Journalisten haben es nicht gewagt, nach erfolgreichen Beispielen der beruflichen Integration von Menschen mit einer solchen Behinderung zu suchen. Weshalb? Mir fallen verschiedene Erklärungen ein. Entweder wollten sich die Betroffenen nicht äussern (da sie anonym bleiben möchten) oder es gibt nur wenige solcher Fälle.
Bei meiner Lektüre habe ich nur zwei Beispiele bezüglich dieser Art von Behinderung gefunden: Im Blick, der die Kampagne «Jobs für Behinderte – Behinderte für Jobs» lanciert hat, wurden sechs Personen porträtiert, darunter eine junge Frau mit einer psychischen Behinderung (wobei man aber nicht weiss, um was für eine Behinderung es sich handelt). Sie hat nach einer Lehre in einer geschützten Werkstätte eine Anstellung gefunden. Im «Landboten» vom 18. Oktober 2010 wird die Geschichte eines jungen Mannes erzählt, der aus psychischen Gründen an Asthma leidet. Diese erfolgreiche Integration ist einem spezifischen Wiedereingliederungsprogramm zu verdanken. Die wenigen übrigen Beispiele stammen entweder aus geschützten Strukturen oder Sozialfirmen. In diesen Fällen kann nicht von echter beruflicher Wiedereingliederung gesprochen werden, da die Betroffenen weiterhin auf IV-Leistungen angewiesen sind.
Ich glaube nicht, dass die Journalistinnen und Journalisten ihre Arbeit schlecht machen. Ich folgere deshalb:
Die Geschichten der Journalisten entsprechen der Realität in diesem Bereich. Es ist schwierig, Berichte über eine erfolgreiche Wiedereingliederung von Personen zu finden, die somatoforme Störungen oder vergleichbare Krankheiten haben. Diese Beispiele sind selten und wenn sie erfolgreich sind, so nicht unbedingt auf dem ersten Arbeitsmarkt. Das heisst also, dass diese Personengruppe schwierig zu integrieren ist.
Die Realität dieser Behinderungen ist nicht interessant oder zu kompliziert, um sie den Leserinnen und Lesern zu erklären.
Für mich und die anderen im Behindertenwesen tätigen Personen zeigt dies, dass die berufliche Eingliederung von Menschen mit Behinderung, vor allem mit einer psychischen Behinderung, schwierig ist! Wie es auch in «Le Temps» am 10. Dezember 2010 unter dem Titel «Pour un handicapé, parvenir à sortir de l'assurance invalidité reste l'exception» (Für Behinderte bleibt der Ausweg aus der IV die Ausnahme) geschildert wurde. In diesem Sinne gebührt den Journalisten Dank, weil sie aufzeigen, dass die Ziele der IV-Revision 6a kaum realistisch sind.
Leider erreicht den durchschnittlichen Leser eine andere Botschaft. Denn mit der Thematisierung der beruflichen Integration von IV-Rentenbezügern unter dem alleinigen Gesichtspunkt der erfolgreichen Wiedereingliederung vermitteln die Medien den Eindruck, dass die Integration von 17'000 Rentnerinnen und -rentnern möglich ist!
Die Leserinnen und Leser wissen nicht, dass einige der Personen, die eine Arbeit finden müssen, «eine Behinderung mit einer ungeläufigen Bezeichnung» haben. Und wenn man von etwas spricht, das man nicht versteht, ist es einfacher, es zu banalisieren oder auf Vorurteile zurückzugreifen, als sich zu bemühen, es zu verstehen.
Übersetzung: Susanne Alpiger
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