«Ich bin ein anderer Mensch: ich arbeite»

Seit 10 Monaten ist Antonio Gatto bei Pro tätig und des Lobes voll über seinen neuen Arbeitgeber, eine private Genfer Sozialfirma. Er erzählt uns von seinem neuen Leben, seinem Glück, wieder arbeiten zu können, und seiner Freude, jeden Tag seine ArbeitskollegInnen zu treffen.

Von Mélanie Sauvain, Secrétaire romande von AGILE

Vor rund zehn Jahren musste Antonio Gatto wegen Rückenschmerzen seine Arbeit im Bodenlegergeschäft aufgeben, das er mit seinem Bruder führte. Er blieb zu Hause, hatte nichts zu tun. Mit Zurückhaltung erzählt er von diesem Lebensabschnitt: «Es war schwierig». Freunde raten ihm, sich bei Pro zu bewerben. Im August 2009 erhält er eine Anstellung in der Abteilung «Industrie services».

Wie ein neues Leben

«Heute bin ich ein anderer Mensch: ich arbeite. Ich habe sehr gerne Kontakt mit Menschen, ich habe das Gefühl, hier eine zweite Familie gefunden zu haben», sagt der 55-jährige Familienvater. Alles an ihm strahlt Zufriedenheit aus: leuchtende Augen, Lächeln im Gesicht, melodiöse Sprache.

Sein «zweites Leben» hat er bei Pro gefunden. Die Sozialfirma beschäftigt 250 Angestellte, von denen knapp 200 eine IV-Rente beziehen oder in manchen Fällen einen «Emploi de solidarité» besetzen (für ausgesteuerte Arbeitslose). Antonio Gatto fühlt sich wieder in der Lage, etwas zu tun, seine Arbeitgeber haben Vertrauen in ihn: Das ist gut für das Selbstwertgefühl und – von geringerer Bedeutung – es bessert auch die Haushaltskasse auf.

Bei seiner Tätigkeit in der Produktion arbeitet Antonio Gatto in seinem Rhythmus, sitzend oder stehend, je nachdem, wie es sein Rücken zulässt. Gatto isoliert Eisenstangen für Transformatoren, indem er sie sorgfältig mit Papier umwickelt. Eine falsche Falte, und die Stange passt nicht mehr in den Transformator», erklärt er. Nachdem er zuerst zu 50 Prozent angestellt war, beschloss er rasch, am Vormittag und am Nachmittag zu arbeiten. Die meisten seiner KollegInnen haben ein geringeres Arbeitspensum.

Berufliche Wiedereingliederung ist selten

Antonio Gatto würde gerne bis zu seiner Pensionierung bei Pro arbeiten, wenn sein Rücken mitmacht. Bei Pro sind Abgänge (abgesehen von Pensionierungen) vor allem auf gesundheitliche Probleme zurückzuführen. Nur selten kehrt jemand in den regulären Arbeitsmarkt zurück. Da der Anteil der beruflichen Wiedereingliederung sehr gering ist, setzt Pro vor allem auf die Integration innerhalb des Unternehmens. Die Angestellten haben jederzeit die Möglichkeit, die Stelle zu wechseln. Pro ist Zulieferbetrieb für die Industrie und daneben im Gastgewerbe, in den Bereichen Signalisierung (Gravuren, Aufkleber etc.), Schreinerei oder Multi-Dienstleistungen (Verpackung, Industriereinigung, Wäscheservice etc.) tätig.

Der 1987 gegründeten Genfer Sozialfirma ist es gelungen, echte Arbeitsplätze für Menschen mit Behinderungen (vor allem physischen und psychischen) zu schaffen. 2008 lag ihr Umsatz über 11 Millionen Franken, und ihr Selbstfinanzierungsgrad erreichte 81 Prozent. Der restliche Finanzbedarf wird durch kantonale Subventionen gedeckt.

Übersetzung: Susanne Alpiger